This document is an excerpt from the EUR-Lex website
Document 52016IE0950
Opinion of the European Economic and Social Committee on The digital pillar of growth: e-seniors, a potential 25 % of the European population (own-initiative opinion)
Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Die digitale Säule des Wachstums: E-Senioren, ein Potenzial in einer Größenordnung von 25 % der europäischen Bevölkerung“ (Initiativstellungnahme)
Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Die digitale Säule des Wachstums: E-Senioren, ein Potenzial in einer Größenordnung von 25 % der europäischen Bevölkerung“ (Initiativstellungnahme)
ABl. C 389 vom 21.10.2016, pp. 28–34
(BG, ES, CS, DA, DE, ET, EL, EN, FR, HR, IT, LV, LT, HU, MT, NL, PL, PT, RO, SK, SL, FI, SV)
|
21.10.2016 |
DE |
Amtsblatt der Europäischen Union |
C 389/28 |
Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Die digitale Säule des Wachstums: E-Senioren, ein Potenzial in einer Größenordnung von 25 % der europäischen Bevölkerung“
(Initiativstellungnahme)
(2016/C 389/04)
|
Berichterstatterin: |
Laure BATUT |
Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss beschloss am 21. Januar 2016 gemäß Artikel 29 Absatz 2 seiner Geschäftsordnung, eine Initiativstellungnahme zu folgendem Thema zu erarbeiten:
„Die digitale Säule des Wachstums: E-Senioren, ein Potenzial in einer Größenordnung von 25 % der europäischen Bevölkerung“.
(Initiativstellungnahme)
Die mit den Vorarbeiten beauftragte Fachgruppe Verkehr, Energie, Infrastrukturen, Informationsgesellschaft nahm ihre Stellungnahme am 21. Juni 2016 an.
Der Ausschuss verabschiedete auf seiner 518. Plenartagung am 13./14. Juli 2016 (Sitzung vom 13. Juli) mit 189 Stimmen bei 1 Enthaltung folgende Stellungnahme:
1. Empfehlungen
In Anbetracht des Wirtschaftspotenzials der Senioren, die 25 % der EU-Bevölkerung ausmachen, ist es nach Meinung des EWSA dem Wachstum abträglich, die Senioren als alltagsferne Bevölkerungsgruppe zu betrachten. Es gilt vielmehr, ihre Fähigkeiten und Erwartungen anzuerkennen und ihre Inklusion als wirtschaftliche und soziale Akteure des digitalen Zeitalters sicherzustellen. Der EWSA empfiehlt, rasch folgende Maßnahmen umzusetzen:
|
1. |
Neue Herangehensweise an die Seniorenwirtschaft oder Silver Economy, da die Digitalisierung zur Überbrückung der Generationenkluft beiträgt und die Senioren Akteure der Wertekette sind und ihr Leben selbstständig gestalten können; |
|
2. |
Förderung der digitalen Inklusion der Senioren im Zuge des Treffens der für Beschäftigung, Sozialpolitik, Gesundheit und Verbraucherschutz zuständigen Minister im Juni 2016 und des Gipfels der Staats- und Regierungschef im Dezember 2016 zur Thematik „Senioren“ zur Bewältigung des digitalen und des demografischen Wandels; |
|
3. |
Entwicklung einer globalen Governance zur Einbeziehung der Senioren in die Digitalisierung, indem leistungsfähige öffentliche Dienste entwickelt werden, die auf allen Ebenen, auch der Gebietskörperschaften, über eine angemessene Mittelausstattung verfügen und von den Auflagen des Europäischen Semesters ausgenommen sind; |
|
4. |
Festlegung einer horizontalen EU-Klausel für die Gleichstellung der Senioren und Anreize für ihre Umsetzung durch die für Gleichstellung in den Mitgliedstaaten zuständigen Ministerien; |
|
5. |
Einbeziehung der repräsentativen Seniorenverbände und des EWSA in die Überlegungen der Gruppe der Interessenträger zum Thema Sharing Economy, die vom Europäischen Parlament gefordert wurde; |
|
6. |
Förderung des Zugangs der Senioren zur digitalen Welt und der digitalen Barrierefreiheit durch den Erwerb von Wissen und Kompetenzen, indem für ihre erfolgreiche Inklusion unverzüglich Schulungsprogramme im Zuge des lebenslangen Lernens entwickelt werden, durch die Anpassung von Hard- und Software und durch Mentoring; |
|
7. |
Festlegung von Indikatoren zur Messung der wirtschaftlichen Bedeutung der Senioren, ihrer Lebensqualität und der Vorteile aus den einschlägigen Innovationen; |
|
8. |
Förderung des Zugangs der Senioren zu einem europäische Programm für den Austausch bewährter Verfahren, beispielsweise über eine Plattform mit dem Namen „SENEQUE — Seniors Equivalent Erasmus“; |
|
9. |
Vertrauensbildung und Sensibilisierung der Bürger für die europäischen Rechtsvorschriften zur Digitalisierung durch ihre Veröffentlichung in Form eines Kodexes und über eine digitale zentrale Stelle, wobei der Mehrsprachigkeit Rechnung zu tragen ist; |
|
10. |
Anerkennung des Zugangs zum Internet als Grundversorgungsanspruch, der erschwinglich sein muss, in allen Mitgliedstaaten; im Falle von Preisbarrieren Förderung der Festlegung regulierter Tarife bzw. Bereitstellung eines freien und kostenlosen Internetzugangs in bestimmten Räumen für Senioren mit geringem Einkommen; |
|
11. |
Förderung der Schaffung öffentlich-privater Partnerschaften (ÖPP), die in Humankapital investieren, indem IKT-Großunternehmen im Rahmen ihrer sozialen Verantwortung in allen Grundschulen der EU (außerhalb der Schulzeiten) kostenlose Kurse für Senioren anbieten; |
|
12. |
Abbau der Hindernisse für Senioren beim Zugang zu Darlehen; |
|
13. |
Förderung eines „Freiwilligendienstes“ zur Bekämpfung des digitalen Analphabetismus. |
2. Allgemeine Bemerkungen
|
2.1. |
Die Europäische Union steht vor einer Herausforderung, der sich noch keine Gesellschaft zuvor stellen musste: Zum einen steigt die Lebenserwartung der Bevölkerung und zum anderen wird gleichzeitig die Digitalisierung Teil des Alltags. Hierfür müssen echte wirtschaftliche und soziale Strategien erarbeitet werden. |
|
2.2. |
Im Jahr 2060 wird es Prognosen zufolge (siehe Bericht der Europäischen Kommission „The 2015 Ageing Report“) doppelt so viele ältere wie junge Menschen geben, wobei die Zahl der Hochbetagten die Zahl der unter 5-Jährigen übertreffen wird. Ausgehend vom Medianalter (Eurostat) werden Schweden, Deutschland, Polen, Rumänien und die Slowakei als erste Mitgliedstaaten von dieser Entwicklung betroffen sein, gefolgt von Belgien, Dänemark und Irland einige Jahre später und schließlich den restlichen Mitgliedstaaten. |
|
2.3. |
Die Senioren und älteren Arbeitnehmer werden sowohl als Bedrohung für die Sozialschutzsysteme als auch als Chance für den Waren- und Dienstleistungssektor angesehen. Im Jahr 2011 legte die EU eine Agenda für Erwachsenenbildung (1) mit fünf strategischen Schwerpunkten auf, um eine Wirtschaft mit hohem Beschäftigungseffekt zu schaffen und die Qualität und die Wirksamkeit des Aus- und Weiterbildungsangebots für Erwachsene zu verbessern. |
|
2.4. |
Der EWSA hält fest, dass die Senioren von dieser Agenda nicht unmittelbar betroffen waren. |
Was ist ein Senior?
|
2.5. |
Als erste Generation, die in den EU-Ländern ohne Krieg aufgewachsen ist, sind die so genannten Babyboomer (die geburtenstarken Jahrgänge nach dem Zweiten Weltkrieg) und ihre Eltern die proeuropäischste Generation der Geschichte. Sie werden heute als „Senioren“ angesehen. In ihrem Hintergrunddokument „Growing the European Silver Economy“ von Februar 2015 bringt die Europäische Kommission ihre Absicht zum Ausdruck, den Bedürfnissen der Bürger über 50 Rechnung zu tragen. Diese Bevölkerungsgruppe wird manchmal in drei Untergruppen unterteilt: aktiv, schutzbedürftig und abhängig. Der EWSA übernimmt diese Begriffsbestimmung, die seinen Vorschlag untermauert, dass ein neues „Senioren“-Konzept erforderlich ist: Sie müssen als Akteure des Wachstums anerkannt werden. |
|
2.6. |
Die Bevölkerungsalterung bedeutet eine Zunahme des Anteils älterer Menschen an einer Bevölkerung aufgrund des Rückgangs der Geburten- und der Sterberate. Japan („Étude comparative du marché des seniors français et japonais — Opportunités croisées“, David Barboni, in Eurasiam, Série Management no 001, 2007), wo der demografische Wandel deutlich weiter vorangeschritten ist, hat eine eigene Konsumdynamik für Senioren in den Segmenten Wohlergehen, Gesundheit, Finanzen, Versicherungswesen, Vertrieb und Fremdenverkehr angestoßen. Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) gehören zu den Gütern, die eine Verbesserung der Lebensqualität ermöglichen. Sie sind allerdings auf die Senioren als Verbraucher und nicht als Akteure der digitalen Gesellschaft zugeschnitten — im Mittelpunkt stehen kurzfristige Gewinne für die IKT-Unternehmen. Das ist zwar wichtig, aber auch einseitig gedacht. |
|
2.7. |
In der EU fallen die Babyboomer nicht einfach in die Kategorie „Senioren als Verbraucher“. Sie haben als erste Generation in der Geschichte Europas vielfach eine Sekundar- und Hochschulausbildung abgeschlossen und sind dann als aktive und produktive Marktteilnehmer aufgetreten. Viele dieser Männer und Frauen können nun weiterhin aktiv bleiben — in der Marktwirtschaft oder in der Sozial- und Solidarwirtschaft. |
|
2.8. |
Zuweilen herrscht der Eindruck, Senioren würden sich nur langsam mit den IKT auseinandersetzen und hätten Schwierigkeiten bei deren Nutzung. Im Gegenteil: Sie waren oftmals die ersten, die IKT eingesetzt und Neuerungen angestoßen haben („The Seven Myths of Population Aging“, Julika Erfurt et al., Accenture, Februar 2012). Im Jahr 2010 erfolgten in Frankreich mehr als 16 % Unternehmensgründungen durch über 50-Jährige, wobei wiederum fast die Hälfte dieser Unternehmer — erwerbstätige Senioren, noch aktive Unternehmer oder sogar Rentner — hierfür eigene Mittel einbrachten (siehe Artikel von Yann Le Galès, Le Figaro, 27. April 2012). |
Eine neue Herangehensweise
|
2.9. |
Der Begriff Seniorenwirtschaft oder Silver Economy wird in der EU erst seit der Erklärung und dem Internationalen Aktionsplan der UN über das Altern (2002) und der Erklärung des Rates der EU über das Europäische Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen (2012) verwendet. Nach Meinung der Europäischen Kommission muss alles getan werden, um ein Altern in Würde zu ermöglichen, insbesondere dank IKT. Die EU sollte hierbei eine Führungsrolle übernehmen. Als Seniorenwirtschaft können die wirtschaftlichen Perspektiven bezeichnet werden, die sich durch die privaten und öffentlichen Ausgaben in Verbindung mit der Alterung der Bevölkerung und den besonderen Bedürfnissen der Bevölkerung über 50 eröffnen (Europäische Kommission, Website „Silver Economy“). |
|
2.10. |
Der EWSA ist der Auffassung, dass die Aspekte Wohlergehen, Autonomie und Abhängigkeit und Markt berücksichtigt werden müssen. Die europäischen Senioren stellen beinahe 125 Mio. Bürger, die ihr Leben, die Wirtschaft und das Wachstum selbstständig gestalten wollen; Informationstechnologien müssen genauso Teil ihres Lebens wie des Lebens der erwerbstätigen Bevölkerung sein. |
|
2.11. |
Daher betont der EWSA, dass für das Alter eine Herangehensweise gefunden werden muss, die im fließenden Übergang zu den anderen Lebensabschnitten steht und nahtlos daran anschließt, wobei jeder fitte Senior über seine Lebenserfahrung und digitalen Kompetenzen verfügt und nicht aus der Gesamtheit aller Akteure der Wertekette herausgelöst werden kann. Es bedarf einer dynamischen und inklusiven Vision der Senioren, und zwar nicht nur im letzten Lebensabschnitt. Die Digitalisierung darf nicht nur auf die „technisch-medizinische Unterstützung“ ausgerichtet sein. |
|
2.12. |
Dies tut weder dem Rentenanspruch (Artikel 25 und 34 der Charta der Grundrechte sowie Artikel 153 und 156 AEUV) noch den Rentensystemen, die in den Mitgliedstaaten unterschiedlich sind, einen Abbruch. |
|
2.13. |
Eine umfassende und inklusive Herangehensweise könnte eine Garantie für alle älteren europäischen Bürger sein, dass digitale Innovation für sie von Belang ist. Nach Ansicht des EWSA müssen alle Ebenen ihrer Verantwortung nachkommen, damit die EU die angestrebte führende Rolle in Bezug auf die Seniorenwirtschaft auch wirklich übernehmen kann. |
3. Besondere Bemerkungen
3.1. Alle Unionsbürger über 50 müssen dringend E-Senioren werden
IKT und digitale Kompetenz sind ein Muss. Hierfür sind politischer Wille und Ressourcen notwendig. Sämtliche Institutionen beschäftigen sich mit dem digitalen Wandel; der EWSA fordert, die 125 Mio. Bürger über 50 Jahre darin einzubeziehen.
|
3.1.1. |
Die Generation der Babyboomer, nunmehr in ihrem dritten Lebensabschnitt angelangt, verfügt über ein Atout: die IKT-Revolution. Es ist dringend erforderlich, sich von einer reinen Marktorientierung zu lösen und alle Bürger in die Welt des Wissens und die IKT-Welt zu integrieren, denn die Vernetzung ist allgegenwärtig. Die EU muss zum einen die europäische Interoperabilität gewährleisten und zum anderen die Mitgliedstaaten in einem sehr fragmentierten Umfeld schützen. Die im April 2016 vorgelegten Kommissionsmitteilungen (COM(2016) 176, 178 und 179 final) betreffen indes nur technische Aspekte und klammern die soziale Dimension aus. Die Mitteilung der Europäischen Kommission von Juni 2016 „Eine neue europäische Agenda für Kompetenzen“ (COM(2016) 381 final) und der Vorschlag für eine Empfehlung des Rates zur Einführung einer Kompetenzgarantie (COM(2016) 382 final) heben auf Beschäftigungsfähigkeit und Produktivität ab. Darin gibt es keinerlei Verweis auf die Senioren und auch nur einige wenige Verweise auf die Digitalisierung. Der EWSA hofft, dass auf dem Treffen der zuständigen EU-Minister im Juni und dem Gipfel der EU-Staats- und -Regierungschefs im Dezember 2016, auf deren Tagesordnung die Thematik „Senioren“ steht, der Weg für die digitale Inklusion der Senioren sowie die Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen geebnet wird. Dies ist unabdingbar, um den digitalen und den demografischen Wandel zu bewältigen. |
|
3.1.2. |
Zur Förderung des Zusammenhalts sowie zur Information und Sensibilisierung älterer Menschen und aller Bevölkerungsgruppen insgesamt schlägt der EWSA vor, sämtliche bereits angenommenen EU-Dokumente zur Digitalisierung in Form eines Kodexes zu veröffentlichen und die Einrichtung einer digitalen zentralen Stelle in Betracht zu ziehen, wobei der Mehrsprachigkeit Rechnung zu tragen ist. |
3.2. Als Senior in der digitalen Gesellschaft leben (2)
|
3.2.1. |
Mittels Digitalisierung kann man insbesondere auch im Alter und bei eingeschränkter Mobilität Neues erlernen und proaktiv sein. Sie kann verhindern, dass Menschen ins Abseits gestellt werden, und erleichtert den Wissensaustausch. Sie kann auch zu einer Umkehr des Mentoringprozesses zwischen den Generationen und der Überbrückung der Generationenkluft führen. |
3.3. Abfederung des Renteneintritts der Generation der Babyboomer: Bewusste Nutzung der Digitalisierung
|
3.3.1. |
Der EWSA hat eine Reihe von Stellungnahmen zu den technischen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekten der digitalen Innovationen veröffentlicht, u. a. Infrastruktur, Rechte, Kosten, Telemedizin, Online-Gesundheitsdienste (eHealth), aktives Altern, Computerkriminalität, intelligente Städte, intelligente Mobilität, intelligente Inseln und Netzneutralität. |
|
3.3.2. |
Die Europäische Kommission sollte alle Generationen ohne regionale Unterschiede berücksichtigen und mit einem langfristigen Zeithorizont (2060) arbeiten, da die Kurve der Bevölkerungsalterung (3) in allen Mitgliedstaaten steiler wird. |
|
3.3.3. |
In ihren Mitteilungen vom 19. April 2016 (4) hält die Europäische Kommission fest, dass sie sich mit der IKT-Normung „als Eckpfeiler des digitalen Binnenmarkts“, der Digitalisierung der Wirtschaft und Cloud Computing auseinandersetzen will. |
|
3.3.4. |
Der niederländische und der slowakische Ratsvorsitz haben den EWSA um eine Sondierungsstellungnahme zu den sozialen Auswirkungen mit dem Titel „Der Wandel der Beschäftigungsverhältnisse und seine Auswirkungen auf die Wahrung eines existenzsichernden Arbeitseinkommens sowie Auswirkungen technischer Entwicklungen auf das System der sozialen Sicherheit und das Arbeitsrecht“ ersucht, die der Ausschuss am 26. Mai 2016 verabschiedet hat. |
|
3.3.5. |
In seiner Entschließung vom 19. Januar 2016 zum Thema „Auf dem Weg zu einer Akte zum digitalen Binnenmarkt“ (Ziffer 80) fordert das Europäische Parlament„die Kommission auf, eine Interessenträgergruppe einzurichten, die für die Verbreitung bewährter Verfahren in der Wirtschaft des Teilens zuständig ist.“ Die Sharing Economy (so die vom EWSA gewählte Bezeichnung) beruht großteils auf der Digitalisierung. Die Senioren können sehr gut die Aufgabe der Repräsentation der Zivilgesellschaft übernehmen. Der EWSA ist bereit, sich an dieser Initiative zu beteiligen. |
3.4. Sind die Risiken für die E-Senioren größer?
|
3.4.1. |
In Verbindung mit Big Data, Cloud Computing, dem Internet der Dinge, 3D-Druck und weiteren Technologien, die mit der äußerst schnellen Verbreitung des Internet in unserem Alltag entstanden sind, sind einige Ängste nach wie vor weit verbreitet. Senioren sind für diese Ängste anfälliger als die junge digitale Generation und blockieren aufgrund der
|
|
3.4.2. |
Der EWSA stimmt dem Standpunkt des Europäischen Parlaments zu, „dass das Vertrauen der Bürger und Unternehmen in das digitale Umfeld ausschlaggebend ist, wenn es gilt, das Innovations- und Wachstumspotenzial der digitalen Wirtschaft vollständig zu erschließen“. |
|
3.4.3. |
Durch die Krise und die Ausrufung des Notstands wird das Gefühl einer Bedrohung der Freiheiten und der Hyper-Überwachung noch verstärkt und werden die Ängste vor Cyberkriminalität noch geschürt. |
|
3.4.4. |
Die Dokumente, die die EU und ihre Mitgliedstaaten zum Schutz der Nutzer verabschiedet haben, sind kaum bekannt. Die Senioren, die nicht mehr über die Schule an IKT herangeführt werden können, müssen für diese Technologien sensibilisiert, über sie informiert und für ihre Nutzung geschult werden, ohne dabei jedoch überfordert zu werden. So könnten Fortschritte erzielt und die Informationsdiskrepanz zwischen den großen, meist ausländischen Betreibern, und den Bürgern als Nutzer verkleinert werden. |
3.5. Die EU, die nationalen Behörden, die Unternehmen und der Dienstleistungssektor müssen handeln
3.5.1. Auf EU-Ebene
Die Digitalisierung sollte die sozialen Kosten in Verbindung mit der Bevölkerungsalterung senken. Rund 58 Mio. Unionsbürger zwischen 16 und 74 Jahren haben noch nie das Internet genutzt (Bridging the digital divide in the EU, Briefing des Europäischen Parlaments). Schätzungen einer Wohltätigkeitsorganisation aus dem Jahr 2014 zufolge ist der Anteil der Menschen zwischen 50 und 59 Jahren, die soziale Unterstützung erhalten, zwischen 2000 und 2013 von 13 auf 17 % gestiegen (Secours catholique, Zitat aus Le Monde, 6. November 2014). Dies zeugt von der massiven Zunahme der Arbeitslosenquote von Senioren und der Verschlechterung der Lage für aktive Senioren und unterstreicht deutlich, dass dringend gehandelt werden muss, da dies das Wachstum, das mit der Digitalisierung angetrieben werden sollte, bremst.
3.5.1.1.
Der EWSA fordert, dass die EU eine horizontale Klausel für die Gleichstellung der Senioren festlegt und die für Gleichstellung in den Mitgliedstaaten zuständigen Ministerien mit ihrer Anwendung beauftragt. Und Vernetzung hat ihren Preis. Angesichts der Risiken für die Rentensicherung sollten für Senioren nach Meinung des EWSA in allen Mitgliedstaaten ein freier und kostenloser Internetzugang in bestimmten Räumen bereitgestellt und im Falle von Preisbarrieren die Festsetzung regulierter Tarife erwogen werden.
3.5.1.2.
|
3.5.1.2.1. |
In einem Gesamtansatz könnte eine neue Governance eine aktive generationenübergreifende Solidarität anstoßen und für einen nachhaltigen sozialen Sektor sorgen.
|
3.5.1.3.
In der Industrie und im Dienstleistungssektor wurden bereits erhebliche Veränderungen auf den Weg gebracht (5).
|
3.5.1.3.1. |
Es stehen spezifische Mittel (Forschung, Breitband, Nachrichtendienste) sowie Strukturfonds und eigene Programme zur Förderung der Digitalisierung zur Verfügung. Die erforderlichen Investitionen zur Wahrung der Vorrangstellung der EU wurden indes nicht quantifiziert. Die Bedürfnisse aller Unionsbürger, von den Schulkindern bis zu den Senioren unter Berücksichtigung des lebenslangen Lernens, sollten allerdings beziffert werden. Die Vorschriften für die Haushaltsdisziplin dürfen keinesfalls auf die bereitgestellten Mittel Anwendung finden. Außerdem müssen die Hindernisse für den Zugang älterer Menschen zu privaten Finanzierungsmöglichkeiten (Darlehen) dringend abgebaut werden (6). |
|
3.5.1.3.2. |
Die Europäische Kommission schlägt öffentlich-private Partnerschaften (ÖPP) vor. Der EWSA steht diesem Vorschlag skeptisch gegenüber, da das Risiko immer das gleiche ist: Der private Sektor wird erst dann tätig, wenn er einen möglichen Gewinn sieht, die Zinskosten belasten die öffentliche Verschuldung, und in der Praxis wurde ein Teil des öffentlichen Sektors effektiv bereits privatisiert. |
3.6. Auf Ebene der nationalen und regionalen Behörden
|
3.6.1. |
Eine echte öffentliche digitale Politik für Senioren
Der EWSA hat bereits darauf hingewiesen, dass der Zugang zum Internet als Grundversorgungsanspruch anerkannt werden muss, und dabei betont, dass er wirtschaftlich erschwinglich sein muss, um die sozialen und geografischen Ungleichheiten zu bekämpfen. Die Errichtung öffentlicher Räume für Senioren mit freiem Internetzugang wäre ein Schritt in diese Richtung. Auch die öffentlichen Dienstleistungen müssen den Problemen von Senioren Rechnung tragen: Verkehrs-, Gesundheits-, Postdienste, Dienstleistungen von allgemeinem Interesse, Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichem Interesse, soziale Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichem Interesse usw. |
|
3.6.2. |
Die nationalen und regionalen Behörden müssen dafür sorgen, dass die Senioren sich neue Gewohnheiten in Sachen Datenschutz und Datensicherheit aneignen. Soziale Inklusion und digitale Inklusion müssen untrennbar miteinander verbunden sein. Dies ist umso wichtiger, je stärker Senioren an Autonomie verlieren. Die territoriale Ebene fördert eine derartige Entwicklung aufgrund ihrer Nähe zu den Senioren. Der EWSA schlägt die Einrichtung eines „Freiwilligendienstes“ zur Bekämpfung des digitalen Analphabetismus vor. |
|
3.6.3. |
Es gilt, nationale Sensibilisierungskampagnen zu starten |
|
3.6.4. |
Inklusion der Senioren: Es sollte Aufgabe der Mitgliedstaaten sein, ihre Bürger über die Schulungsmöglichkeiten zu informieren, die sie den Senioren zum Erwerb digitaler Kompetenzen bieten. Sensibilisierungskampagnen in den Medien könnten dazu beitragen. |
3.6.4.1.
|
3.6.4.2. |
Die Senioren müssen digitale Kompetenzen aufbauen bzw. aufrechterhalten. Die wichtige Arbeit der NGO reicht nicht aus. Die Senioren wollen ihre Qualifikationen anerkannt wissen und lebenslang lernen. In der Slowakei beispielsweise gibt es 18 Hochschulen für Senioren und zahlreiche Akademien für ältere Menschen mit einem geringeren Bildungsniveau. |
|
3.6.4.3. |
Durch Bildung und digitale Kompetenz: Der EWSA bekräftigt seine Forderung, die Medien- und Internetkompetenz aller EU-Bürger und insbesondere von Benachteiligten und Schutzbedürftigen, zu fördern (7), und begrüßt die Schaffung einer „Großen Koalition für digitale Arbeitsplätze“ auf europäischer Ebene. Er betont, dass viele Akteure zu den Schulungen beitragen. |
|
3.6.4.4. |
Nach Meinung des EWSA sollte die Europäische Kommission mit den Mitgliedstaaten und den Hochschulen bei der Ermittlung des Kompetenzbedarfs der Senioren und möglicher Lösungen zusammenarbeiten, beispielsweise durch den Aufbau institutioneller Kontakte zu den Hochschulen, um den Zugang der Senioren zu Online-Kursen („massive open online courses“ — MOOC) zu erleichtern. |
|
3.6.5. |
Durch Barrierefreiheit und Teilhabe aller Senioren |
|
3.6.5.1. |
Wie das Europäische Parlament (8) hebt auch der EWSA hervor, „dass geschlechterspezifische Stereotypen unbedingt überwunden werden müssen“, betont, „dass Innovatorinnen und Unternehmerinnen ein erhebliches Potenzial mitbringen und beim digitalen Wandel eine wichtige Rolle spielen können“ und unterstützt „ihre Integration in die und ihre Mitwirkung an der Informationsgesellschaft“. Der EWSA ist sich bewusst, dass Seniorinnen oftmals nur eine von Unterbrechungen geprägte berufliche Karriere verfolgen konnten und stärker als Männer von Altersarmut in der Rente betroffen sind. Diesem Umstand muss bei der Ausarbeitung von Maßnahmen zur Inklusion von Frauen in die digitale Welt der Senioren Rechnung getragen werden. |
|
3.6.5.2. |
Der EWSA stellt fest, „dass der digitale Binnenmarkt allen Bürgern und auch Menschen mit besonderen Bedürfnissen, älteren Menschen, Minderheiten und anderen Angehörigen benachteiligter und schutzbedürftiger Gruppen Zugang und Teilhabe ermöglichen kann, wobei dies […] für alle Aspekte der Digitalwirtschaft gilt“ (9), er möchte jedoch, dass „ältere Menschen“ Wirtschaftsakteure bleiben und nicht durchweg stigmatisiert und als „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ angesehen werden. |
|
3.6.5.3. |
Der EWSA begrüßt den Vorschlag für eine Richtlinie zur Barrierefreiheit (10), bedauert jedoch, dass dieser erst so spät vorgelegt wird und der Vertrag von Marrakesch nicht ratifiziert wurde. Er versteht unter Barrierefreiheit im digitalen Bereich den barrierefreien Zugang zu Hard- und Software. Es bedarf einer erleichterten Bedienung für Senioren und einer stärker ihren Bedürfnissen angepassten mehrsprachigen Software sowie öffentlicher digitaler Räume, die Menschen miteinander vernetzen. Für Benachteiligte und Schutzbedürftige ist die soziale Vernetzung lebensnotwendig. |
|
3.6.6. |
Der EWSA empfiehlt, das europäische Programm „Erasmus +“ um die Dimension „Senioren“ zu erweitern, die als Plattform für den Austausch bewährter Verfahren mit dem Namen „SENEQUE — Seniors Equivalent Erasmus“ gestaltet sein könnte. |
|
3.6.7. |
Förderung von Kreativität und Innovation in allen Altersstufen mittels Digitalisierung: Die Senioren selbst wissen am besten, was sie benötigen, und können so die Menschen und Verbände, die sie unterstützen, darauf hinweisen. |
3.7. In den Unternehmen und im Dienstleistungssektor: Tätigkeit und Beschäftigung
|
— |
Der EWSA schlägt eine ÖPP vor, die in Humankapital investiert, indem kostenlose Kurse von den IKT-Großunternehmen als Teil ihrer sozialen Verantwortung angeboten werden: Die Unternehmen sollten Mitarbeiter, die kurz vor der Rente stehen, betreuen und diese Kurse ferner für alle Senioren anbieten und dafür öffentliche Schuleinrichtungen (außerhalb der Schulzeiten) in allen Mitgliedstaaten nutzen. |
|
— |
In der EU fehlt es an den notwendigen digitalen Kompetenzen (900 000 offene Stellen im IKT-Bereich (11)). Die Umschulung älterer Arbeitnehmer könnte hier Abhilfe schaffen, wobei die Situation im Vergleich zur globalen Konkurrenz bewertet werden muss. Um digitales Unternehmertum, Bildungsmaßnahmen und Start-ups, den Auf- und Ausbau der digitalen Kompetenzen aller Bürger und die Verbesserung ihres Wohlbefindens zu fördern, sind erhebliche öffentliche Investitionen erforderlich. |
|
— |
Angesichts der Massenarbeitslosigkeit können die Senioren dank der Wirtschaft 4.0 Netze aufbauen und neue Unternehmen gründen und somit dauerhafte Arbeitsplätze mit hohem Mehrwert vor Ort schaffen, u. a. in den Bereichen personenbezogene Dienstleistungen und Gesundheit, Unterstützung der Autonomie und Prävention (12). |
|
— |
Im Zusammenhang mit der Sharing Economy und ihren verschiedenen Formen bringt die EU ihre Grundsatzhaltung zum Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung und zur Vereinbarkeit der Sharing Economy mit dem Ziel einer „sozialen Marktwirtschaft“ nicht deutlich zum Ausdruck, obwohl ein zunehmender Anteil der betroffenen Arbeitnehmer im Sinne des Arbeitsrechts de facto rechtswidrig tätig ist. Senioren laufen Gefahr, stärker als andere Bevölkerungsgruppen von dem Einfluss der Digitalisierung auf den sozialen Zusammenhalt betroffen zu sein. |
3.8. Revolutionen
|
3.8.1. |
Die Digitalisierung macht es möglich, die sozialen Beziehungen sowohl von oben nach unten als auch von unten nach oben zu gestalten, insbesondere in Bezug auf das Alter. |
|
3.8.2. |
Die Sharing Economy kann Menschen einander näherbringen, namentlich durch Lernmethoden, mit denen alle Formen von Intelligenz gefördert werden, und durch innovative Gesundheitslösungen, damit Menschen mit Behinderungen oder ältere Menschen umfassend an der Gesellschaft teilhaben und, wenn sie schon nicht mobil sind, so doch agil sein können (ubiquitous). |
|
3.8.3. |
Gleichzeitig bewirkt sie jedoch auch eine Auflösung der klassischen Arbeitsverhältnisse. Neben der Bevölkerungsalterung hat auch die Digitalisierung erhebliche Auswirkungen auf das, was seit dem Zweiten Weltkrieg den Zusammenhalt der europäischen Gesellschaft ausgemacht hat, und zwar die Solidaritätssysteme, die Krisen (wie 2008) abgefedert haben. |
|
3.8.4. |
Das Abhängigkeitsverhältnis eines Arbeitnehmers gegenüber einem Arbeitgeber wird durch die vierte industrielle Revolution, die Vernetzung, die Seniorenflut und die Aufweichung der Grenzen durcheinandergebracht. Rund 10 % der E-Senioren sind zwar online, aber arm und könnten wie in früheren Jahrhunderten wieder zu den alten Familienangehörigen werden, die sich nicht mehr selbst erhalten können (klassisches Familienbild). Ist ein Wandel mit Weitergabe von Wissen unter diesen Umständen überhaupt noch möglich? |
|
3.8.5. |
Für eine inklusive und digitale soziale Marktwirtschaft (13) ist es entscheidend, die Rentensysteme aufrechtzuerhalten. Bis 2060 müssen sie jedoch auf eine andere Grundlage als die Beschäftigung allein gestellt werden, wobei die Gefahren in Verbindung mit Pensionsfonds zu vermeiden sind: Es müssen eingehende Überlegungen zur Bemessungsgrundlage und zur Umverteilung des Wohlstands geführt werden, um uns seelisch und moralisch darauf einzustellen. |
Brüssel, den 13. Juli 2016.
Der Präsident des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses
Georges DASSIS
(1) Entschließung des Rates über eine erneuerte europäische Agenda für die Erwachsenenbildung, ABl. C 372 vom 20.12.2011, S. 1.
(2) ABl. C 11 vom 15.1.2013, S. 16.
(3) http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/Population_structure_and_ageing/de.
(4) COM(2016) 176 final.
(5) ABl. C 13 vom 15.1.2016, S. 161.
(6) Richtlinie 2013/36/EU (ABl. L 176 vom 27.6.2013, S. 338).
(7) ABl. C 451 vom 16.12.2014, S. 25.
(8) Europäisches Parlament, ebda., Ziffer 113.
(9) Europäisches Parlament, ebda., Ziffer 114.
(10) ABl. C 303 vom 19.8.2016, S. 103.
(11) http://europa.eu/rapid/press-release_IP-14-518_de.htm.
(12) ABl. C 21 vom 21.1.2011, S. 39.
(13) ABl. C 318 vom 29.10.2011, S. 9.