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Amtsblatt
der Europäischen Union

DE

Serie C


C/2024/1570

5.3.2024

Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Die Rolle der Jugend bei der Entwicklung des ländlichen Raums“

(Initiativstellungnahme)

(C/2024/1570)

Berichterstatterin:

Nicoletta MERLO

Beschluss des Plenums

25.1.2023

Rechtsgrundlage

Artikel 52 Absatz 2 GO

 

Initiativstellungnahme

Zuständiges Arbeitsorgan

Fachgruppe Landwirtschaft, ländliche Entwicklung, Umwelt

Annahme in der Fachgruppe

22.11.2023

Verabschiedung im Plenum

14.12.2023

Plenartagung Nr.

583

Ergebnis der Abstimmung

(Ja-Stimmen/Nein-Stimmen/Enthaltungen)

193/0/1

1.   Schlussfolgerungen und Empfehlungen

1.1.

Europa braucht die Perspektive, das Engagement und die Teilhabe junger Menschen, um eine bessere Zukunft für alle zu gestalten. Der ländliche Raum ist für den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt überaus wichtig. Die Gleichbehandlung und die uneingeschränkte Teilhabe junger Menschen sowohl im ländlichen als auch im städtischen Umfeld müssen sichergestellt werden.

1.2.

Es bedarf der Schaffung umfassender Instrumente für die Erhebung detaillierter Daten über die Bevölkerung und ihre Teilhabe vor Ort sowie die Bedürfnisse junger Menschen im ländlichen Raum. Investitionen in die Erforschung und Analyse aufgeschlüsselter Daten sind für die Umsetzung gezielter Investitionen, Strategien und Angebote von entscheidender Bedeutung. In diesem Sinne begrüßt der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) die Einrichtung der Beobachtungsstelle für den ländlichen Raum und spricht sich dafür aus, den Schwerpunkt auf die Erhebung jugendzentrierter Daten und den Austausch bewährter Verfahren zu legen.

1.3.

Der EWSA betont, dass ganzheitliche und sektorübergreifende Ansätze verfolgt werden müssen, die eine Prüfung der Auswirkungen auf den ländlichen Raum und den Einsatz des EU-Jugendtests umfassen, damit eine langfristige Umsetzung der EU-Politik gewährleistet wird, die somit Wirkung entfaltet.

1.4.

Um den ländlichen Raum für junge Menschen attraktiver zu machen, müssen öffentliche, kommerzielle und jugendbezogene Dienstleistungen, hochwertige Beschäftigung und Bildung, digitale und physische Infrastruktur, öffentliche Verkehrsmittel, Freizeitaktivitäten und Jugendclubs verfügbar und leicht zugänglich sein.

1.5.

Initiativen wie der Pakt für den ländlichen Raum (1) und jugendbezogene Maßnahmen (etwa in den Bereichen allgemeine und berufliche Bildung, Sport und Freiwilligentätigkeiten) sowie EU-Programme wie Erasmus+, Europäisches Solidaritätskorps (2), LEADER/CLLD (3) und von jungen Menschen geleitete Initiativen und Projekte spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, die Handlungskompetenz junger Menschen zu stärken und ihr Engagement für die Entwicklung des ländlichen Raums zu fördern.

1.6.

Der EWSA hält es für unerlässlich, partizipative Wege für den Generationswechsel und für ein inklusiveres Multi-Stakeholder-Governance-Modell zu fördern, bei dem Jugendorganisationen, die organisierte Zivilgesellschaft und politische Entscheidungsträger beteiligt und die neuen Formen des Engagements junger Menschen über Technologie und soziale Medien anerkannt werden.

1.7.

Um eine nachhaltige Wirtschaft im ländlichen Raum anzuregen, müssen nach Ansicht des EWSA hochwertige Beschäftigungsmöglichkeiten mit stabilen und wettbewerbsfähigen Verträgen, einem angemessenen sozialen Schutz und Unterstützung für Unternehmertum geschaffen werden. Besondere Aufmerksamkeit sollte jungen Menschen, die weder arbeiten noch eine Schule besuchen oder eine Ausbildung absolvieren, Frauen, Menschen mit Behinderungen, schutzbedürftigen Personen und marginalisierten Gemeinschaften gelten. Im Sinne einer Förderung des fairen Wettbewerbs, der Wahrung der Arbeitnehmerrechte und der Schaffung gleicher Wettbewerbsbedingungen hält es der EWSA für notwendig, Tarifverhandlungen zu fördern und zu stärken, den sozialen Dialog weiterzuentwickeln und die Anwendung des Mechanismus der sozialen Konditionalität sicherzustellen.

1.8.

Es ist von grundlegender Bedeutung, den Zugang zu Land und Krediten für Jungunternehmer im ländlichen Raum zu erleichtern und kurze Versorgungsketten zu unterstützen, um eine nachhaltige Wirtschaft anzukurbeln und die nachhaltige Entwicklung ländlicher Gemeinschaften zu fördern. Es wird als wichtig erachtet, jungen Menschen derzeit unbewirtschaftete landwirtschaftliche Flächen zur Verfügung zu stellen und ein Flächenverzeichnis für an ihrer Bewirtschaftung interessierte Junglandwirte zu erstellen. Durch Leasing können junge Menschen auf derzeit brachliegenden Flächen wirksam produzieren.

1.9.

Die allgemeine und berufliche Bildung auf allen Ebenen ist für die Förderung der Entwicklung des ländlichen Raums überaus wichtig. Hierbei sollte ein transformativer Ansatz verfolgt werden, der den Gegebenheiten und den Bedürfnissen der Bevölkerung vor Ort Rechnung trägt. Die organisierte Zivilgesellschaft kann eine Schlüsselrolle spielen und sollte in die Planung und Umsetzung dieses Vorgehens einbezogen werden. Darüber hinaus wird es als wichtig angesehen, dass jungen Menschen im Unterricht Kenntnisse über den Agrar- und Lebensmittelsektor vermittelt werden, um ihnen den ländlichen Raum näher zu bringen, grundlegende Ernährungskonzepte zu erläutern und die wichtige Rolle der Erzeuger in der Lebensmittelversorgungskette hervorzuheben. Zu diesem Zweck wird die Aufnahme eines Fachs Agrar- und Ernährungswissenschaft in die schulischen Lehrpläne als wesentlich erachtet.

1.10.

Der EWSA betont, dass der Schwerpunkt sowohl während des Europäischen Jahres der Kompetenzen als auch darüber hinaus auf die Kompetenzen gelegt werden muss, die für die Bewältigung des ökologischen Wandels und die Umsetzung von Maßnahmen für eine nachhaltige Entwicklung erforderlich sind.

1.11.

Der EWSA hebt die Rolle der Hochschulen im ländlichen Raum in Europa und der dezentralen öffentlichen Dienste für die Bereitstellung einer auf die besonderen Bedürfnisse ländlicher Gemeinschaften zugeschnittenen Aus- und Weiterbildung, Orientierung und Beratung hervor. Die Einbeziehung zivilgesellschaftlicher Organisationen und die Stärkung und Entwicklung der nichtformalen Bildung könnten in dieser Hinsicht ebenfalls von Nutzen sein.

2.   Junge Menschen als entscheidender Faktor für den ländlichen Raum

2.1.

Europa braucht die Perspektive, das Engagement und die Teilhabe aller jungen Menschen, um eine bessere Zukunft zu gestalten, die nachhaltig, inklusiv und digital ist, unabhängig davon, ob diese jungen Menschen im ländlichen oder städtischen Umfeld leben (4). Durch die derzeitigen Krisen — Klimawandel, Verlust an biologischer Vielfalt, die jüngste Pandemie und den Krieg in der Ukraine — wird die Fragilität unseres derzeitigen Systems deutlich sichtbar, ebenso wie die dringende Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels hin zu der erforderlichen nachhaltigen Wirtschaft (5). In diesem Zusammenhang muss der Grundsatz, kein Gebiet und keinen Menschen zurückzulassen, endlich Wirklichkeit werden.

2.2.

Die langfristige Vision für die ländlichen Gebiete der EU (6) zielt darauf ab, bis 2040 stärkere, vernetzte, resiliente und florierende ländliche Gebiete zu schaffen. Obwohl mit 137 Mio. Menschen fast ein Drittel der EU-Bevölkerung im ländlichen Raum lebt (Stand 2021) (7), bestehen nach wie vor erhebliche Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Gebieten. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, die Gleichbehandlung und die uneingeschränkte Teilhabe junger Menschen sowohl im ländlichen als auch im städtischen Umfeld sicherzustellen und die Verbindungen zwischen Stadt und Land in allen Mitgliedstaaten zu stärken (8). Der ländliche Raum ist für den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt und die nachhaltige Nahrungsmittelerzeugung sehr wichtig; trotzdem steht er vor dem Problem der Landflucht insbesondere junger Menschen (9).

2.3.

Die EU-Jugendstrategie 2019-2027 (10) dient als Rahmen für die europäische Zusammenarbeit in der Jugendpolitik. Ziel ist es, die Teilhabe junger Menschen am demokratischen Leben zu fördern und ihr aktives Engagement in der Gesellschaft sicherzustellen. Die Strategie konzentriert sich auf drei Kernbereiche (Beteiligung, Begegnung und Befähigung junger Menschen) und umfasst elf spezifische Europäische Jugendziele.

2.4.

Das Jugendziel Nr. 6 „Jugend im ländlichen Raum voranbringen“ beinhaltet folgende Elemente:

Gewährleistung der Verfügbarkeit einer geeigneten Infrastruktur, einschließlich öffentlicher Dienste, Datenverbindung und Wohnraummöglichkeiten für junge Menschen im ländlichen Raum;

Schaffung nachhaltiger und hochwertiger Beschäftigungsmöglichkeiten, die für junge Menschen im ländlichen Raum zugänglich sind;

Förderung der Dezentralisierung von Aktivitäten, an denen junge Menschen beteiligt sind, um sie in die Lage zu versetzen, einen Beitrag vor Ort zu leisten;

aktive Einbeziehung junger Menschen aus dem ländlichen Raum in Beschlussfassungsprozesse;

Gewährleistung eines gleichberechtigten Zugangs zu hochwertiger allgemeiner und beruflicher Bildung sowie diesbezüglicher Beratung und Begleitung für junge Menschen im ländlichen Raum;

Schaffung eines vorteilhaften Bildes vom ländlichen Raum und Erhaltung und Förderung ländlicher Traditionen.

2.5.

Junge Menschen im ländlichen Raum leisten wertvolle Beiträge durch Ideen, Inspiration und Energie, und sie machen den ländlichen Raum stärker, besser vernetzt, widerstandsfähiger und wohlhabender. Mit ihrer Kreativität und Begeisterung beteiligen sie sich aktiv am gesellschaftlichen Leben im ländlichen Raum. Sie sind die treibende Kraft hinter neuen Wirtschaftstätigkeiten, die zur Schaffung von Arbeitsplätzen auf lokaler Ebene führen.

2.6.

Angesichts der entscheidenden Rolle junger Menschen für die Entwicklung des ländlichen Raums bedarf es unbedingt umfassender Instrumente für die Erhebung detaillierter Daten über die Bevölkerung und ihre Teilhabe vor Ort sowie die Bedürfnisse junger Menschen im ländlichen Raum. Investitionen in die Erforschung und die Analyse aufgeschlüsselter Daten (unter Berücksichtigung von Faktoren wie Geschlecht, Bildungsniveau, Staatsangehörigkeit, eventuelle Schutzbedürftigkeit usw.) sind für die Umsetzung gezielter Investitionen, Strategien und Dienstleistungen, die dem spezifischen Bedarf in den untersuchten Bereichen entsprechen, von entscheidender Bedeutung. In diesem Sinne begrüßt der EWSA die Einrichtung der Beobachtungsstelle für den ländlichen Raum (11) durch die Europäische Kommission und spricht sich dafür aus, den Schwerpunkt auf die Erhebung von Daten zu legen, die sich auf junge Menschen beziehen.

2.7.

Die Förderung des Austauschs bewährter Verfahren ist unabdingbar für die Entwicklung wirksamer Maßnahmen, die das Potenzial des ländlichen Raums stärken und ihn für junge Menschen attraktiver machen. Der Austausch von Erfahrungen und die Nutzung europäischer Ressourcen können zu diesen Zielen beitragen, wenn sichergestellt wird, dass der ländliche Raum ein florierendes Umfeld für junge Menschen bietet. Es gilt, die attraktiven Möglichkeiten des Agrar- und Lebensmittelsektors für junge Menschen im ländlichen Raum anzuerkennen und diesen entsprechend zu fördern.

2.8.

Es ist von entscheidender Bedeutung, ganzheitliche Ansätze zu verfolgen, die die Prüfung der Auswirkungen auf den ländlichen Raum (12) und die Durchführung des EU-Jugendtests (13) in allen Dienststellen der EU-Kommission umfassen. Durch diese Ansätze werden die langfristige und wirksame Umsetzung der EU-Politik gewährleistet, Ungleichheiten abgebaut und die Bedürfnisse der heutigen und künftiger Generationen sowohl im ländlichen als auch im städtischen Umfeld berücksichtigt. In diesem Zusammenhang muss eine enge Verbindung zwischen ländlichen und städtischen Gebieten sichergestellt werden.

3.   Wie wird der ländliche Raum für junge Menschen attraktiv?

3.1.

In den Schlussfolgerungen des Rates vom 26. Mai 2020 zum Thema „Mehr Chancen für junge Menschen in ländlichen und abgelegenen Gebieten“ (14) wird anerkannt, dass der Altersdurchschnitt der EU-Bevölkerung insbesondere in ländlichen und abgelegenen Gebieten sowie Inseln steigt und dass eine bessere Verfügbarkeit und Zugänglichkeit öffentlicher und kommerzieller Dienstleistungen, hochwertiger Beschäftigung und Bildung, digitaler und physischer Infrastruktur, öffentlicher Verkehrsmittel und Freizeitaktivitäten sichergestellt werden müssen.

3.2.

In diesen Schlussfolgerungen werden die Mitgliedstaaten aufgefordert, Ansätze zur Verringerung der Ungleichheiten zwischen städtischen und ländlichen/abgelegenen Gebieten zu fördern und sektorübergreifende Maßnahmen zu entwickeln, die den Ansichten und Meinungen junger Menschen in ländlichen und abgelegenen Gebieten Rechnung tragen. Dazu gehört auch die Förderung des Unternehmertums und vielfältiger Beschäftigungsmöglichkeiten in der Landwirtschaft und in anderen wirtschaftlichen Bereichen ebenso wie in der Sozialwirtschaft und in Genossenschaften. Die Mitgliedstaaten werden ferner aufgefordert, junge Menschen durch verschiedene an die Jugend gerichtete Instrumente und Dienste der aktiven Bürgerschaft in das Leben der lokalen Gemeinschaft einzubinden und Synergien zwischen EU-Programmen und -Initiativen wie LEADER/CLLD, Erasmus+, Europäisches Solidaritätskorps, dem Europäischen Sozialfonds und der Jugendgarantie zu stärken.

3.3.

Trotz Fortschritten in einigen Mitgliedstaaten gelingt es im ländlichen Raum nach wie vor nur schwer, junge Menschen anzuziehen, was vor allem auf den Mangel an angemessenen Dienstleistungen, erschwinglichem Wohnraum, hochwertigen Beschäftigungsmöglichkeiten und Hindernissen für die persönliche und berufliche Entwicklung zurückzuführen ist. Städtische und stadtnahe Gebiete werden gegenüber dem ländlichen Raum häufig bevorzugt.

3.4.

Die wirksame Umsetzung der in diesen Schlussfolgerungen dargelegten Vorschläge würde die Attraktivität ländlicher und abgelegener Gebiete für junge Menschen erhöhen, da diese dort sicherlich mehr Möglichkeiten hätten.

3.5.

Insbesondere ist es notwendig,

bei der Ausarbeitung jugendpolitischer Maßnahmen und von Strategien, die darauf abzielen, Ungleichheiten zwischen ländlichen/abgelegenen und städtischen Gebieten zu verringern, sektorübergreifende Ansätze zu fördern;

die Handlungskompetenz junger Menschen im ländlichen Raum durch partizipative Modelle unter Einbeziehung von Jugendorganisationen und der organisierten Zivilgesellschaft zu stärken und den EU-Jugendtest umzusetzen;

sicherzustellen, dass die Mitgliedstaaten und die EU-Programme Jugenddienste und Jugendclubs, insbesondere solche, die von Freiwilligenorganisationen in abgelegenen Gebieten angeboten werden, unterstützen, finanzieren und ihnen Priorität einräumen;

angemessene Begegnungsräume (einschließlich Sport- und Freizeiteinrichtungen) für junge Menschen und Jugendorganisationen unter besonderer Berücksichtigung schutzbedürftiger bzw. behinderter Menschen bereitzustellen;

die Verkehrsverbindungen zwischen ländlichen und städtischen Gebieten durch Investitionen in Infrastruktur und nachhaltige Mobilität zu verbessern, etwa den öffentlichen Nahverkehr, der gefördert und dessen Attraktivität durch entsprechende Anreize gesteigert werden sollte;

Investitionen in die IT-Infrastruktur und leistungsfähige Breitbandverbindungen zu tätigen, um die Konnektivität und den Zugang zu digitalen Ressourcen sicherzustellen;

junge Menschen, die in den ländlichen Raum zurückkehren wollen, mit gezielten Maßnahmen bei der Anmietung oder dem Kauf von Wohnraum zu unterstützen und die Renovierung leer stehender Häuser bzw. die Nutzung brach liegender Grundstücke durch Steuervergünstigungen zu fördern;

finanzielle Unterstützung für den Zugang zu Land für junge Menschen bereitzustellen; und

angemessene Strukturen für den sozialen Dialog zu gewährleisten, um die Arbeitsbeziehungen zu stärken und menschenwürdige Arbeitsbedingungen für alle sicherzustellen.

3.6.

Eine der größten Herausforderungen in der Landwirtschaft dreht sich um die Altersstruktur der Landwirte. Erschreckenderweise ist nur jeder zehnte Landwirt jünger als 40 Jahre. Bei Frauen ist die Situation noch besorgniserregender: nur eine von 20 Landwirtinnen gehört dieser Altersklasse an. Im Jahr 2020 waren rund 6,5 % der Leiter landwirtschaftlicher Betriebe in der EU jünger als 35 Jahre. Der Zugang zu Finanzmitteln, Land, Kapital und Wissen ist für viele junge Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten möchten, besonders problematisch (15). Die Bewältigung dieser Probleme sowie des Generationengefälles und der geschlechtsspezifischen Unterschiede ist für die künftige Nachhaltigkeit und Inklusivität der Landwirtschaft von entscheidender Bedeutung.

3.7.

Die neue Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) bietet den Mitgliedstaaten Lösungen zur Unterstützung des Generationswechsels und der Gleichstellung der Geschlechter, etwa eine stärkere Unterstützung für Junglandwirte. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, mindestens 3 % der Direktzahlungen für die Unterstützung von Junglandwirten auszugeben. 8,5 Mrd. EUR an öffentlichen Ausgaben sind dafür vorgesehen, Junglandwirten in den ersten Jahren bei der Gründung bzw. Aufnahme, dem Ausbau und der Aufrechterhaltung ihres Betriebs bzw. ihrer Tätigkeit zu helfen. Mit diesen Strategien soll im Zeitraum 2023-2027 nahezu 380 000 Junglandwirten bei der Niederlassung geholfen werden (16). Die entsprechenden Maßnahmen müssen genau überwacht werden. Darüber hinaus ist es wichtig, faire Produktionspreise und wirtschaftliche Nachhaltigkeit mit Blick auf die Tragfähigkeit der initiierten Projekte zu gewährleisten. Fehlt es dem ländlichen Raum an Wohlstand und fruchtbaren Böden, dann ist er für junge Menschen unattraktiv.

3.8.

Das GAP-Netz und die Beobachtungsstelle für den ländlichen Raum sollten nicht nur das Ziel von 380 000 neuen Landwirten, sondern auch die Schaffung anderer Beschäftigungsmöglichkeiten überwachen und dabei zugleich Hindernisse aufzeigen und Lösungen für den Generationswechsel propagieren sowie landwirtschaftliche und andere Geschäftsmodelle, auch in der Sozialwirtschaft und den Genossenschaften, verbreiten.

3.9.

Zusätzlich zur Agrarpolitik und den Agrarfonds muss ein solider sektorübergreifender politischer Ansatz verfolgt werden, der dem Generationswechsel Rechnung trägt. Dieser Ansatz wird dazu beitragen, die Kluft zwischen ländlichen Gebieten und Städten zu schließen. Um beispielsweise ländliche Gebiete in puncto Chancen und Lebensqualität ebenso attraktiv zu machen wie städtische Gebiete, sind Investitionen in Wohnraum und Begegnungsstätten erforderlich. Die COVID-19-Pandemie und die anschließende Zunahme von Telearbeit haben viele Menschen dazu veranlasst, aufs Land zu ziehen. Leider sind die Lücken im digitalen Bereich und die unzureichende Infrastruktur in diesen Regionen nach wie vor eine große Herausforderung, die sich auf die Telekommunikationsnetze auswirkt und den Zugang zu Diensten behindert.

3.10.

Initiativen zur Förderung des Engagements der Bevölkerung, Wahrung der Kultur und des generationenübergreifenden Dialogs können zum allgemeinen Wohlergehen und zur Identität der jungen Menschen im ländlichen Raum beitragen. In Gebieten, wo die Religion — mit als Gemeinschaftsräume genutzten Kirchen — und zivilgesellschaftliche Organisationen sehr präsent sind, spielen diese Initiativen eine zentrale Rolle für das kulturelle Gefüge.

3.11.

Wüstenbildung, Dürren und Überschwemmungen stellen ebenfalls eine erhebliche Bedrohung für die europäischen Länder dar (17). Weiter verschärft wird die Lage durch den Klimawandel, Bodenerosion sowie durch eine nicht nachhaltige Wasserbewirtschaftung und Landnutzung. Aus Studien geht hervor, dass erhebliche Teile Spaniens, Süditaliens und Südosteuropas sowie das Donaudelta zu den besonders gefährdeten Regionen für die Wüstenbildung zählen. Wenn nichts unternommen wird, könnten bis Ende des Jahrhunderts etwa 11 % der europäischen Landfläche gefährdet sein. Dieser alarmierende Trend könnte für Ackerbau und Viehzucht zur Gefahr werden, da er zur Aufgabe der Landwirtschaft und zu einer erhöhten Anfälligkeit führen kann. Es bedarf dringender Maßnahmen, um die Auswirkungen des Klimawandels abzumildern und nachhaltige Landbewirtschaftungsverfahren umzusetzen und so die europäische Landwirtschaft zu schützen (18). Die Verknüpfung dieser Bemühungen mit dem Generationenwechsel wird die aktive Einbeziehung junger Menschen in nachhaltige landwirtschaftliche Verfahren gewährleisten und ein Gefühl der Klimagerechtigkeit fördern, indem eine ausgewogene und nachhaltige Zukunft für den ländlichen Raum gewährleistet wird.

3.12.

Die langfristige Widerstandsfähigkeit des ländlichen Raums erfordert eine generationenübergreifende Zusammenarbeit auf der Grundlage gegenseitiger Achtung und Unterstützung. Neben Erasmus+ im ländlichen Raum und anderen Initiativen zur Stärkung der Handlungskompetenz sollte ein spezifisches Mentoring-Programm eingeführt werden. Darüber hinaus müssen mehr Investitionen in die Berufsausbildung getätigt werden, und zwar nicht nur in der Land- und Forstwirtschaft, sondern auch in andere ländlich geprägte Handwerks-, Kultur- und Betriebswirtschaftsausbildungen, um einen hochwertigen Transfer von Fähigkeiten und Wissen sicherzustellen. Zudem sollten jungen Bewohnern städtischer Gebiete spezifische Betreuungsprogramme in Schulen oder anderen Bildungskontexten angeboten werden, um sie mit ländlichen Gebieten und landwirtschaftlichen Tätigkeiten vertraut zu machen.

3.13.

Die psychische Gesundheit der Landwirte und der Mangel an Freizeit stellen zusätzliche Herausforderungen für die soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit des ländlichen Raums dar und müssen angemessen angegangen werden. Maßnahmen wie das Farmwell-Projekt (19) müssen adäquat gefördert, unterstützt und verbreitet werden.

3.14.

Es bedarf einer umfassenden Kommunikationsstrategie, die sich an junge Menschen richtet und von öffentlichen Einrichtungen auf allen Ebenen sowie in der Jugendarbeit tätigen Organisationen entwickelt wird, um Initiativen wirksam zu fördern und das Potenzial und die Chancen in ländlichen Gebieten zu verbessern.

4.   Steuerung

4.1.

Die Einbeziehung junger Menschen ist für die Entwicklung des ländlichen Raums von entscheidender Bedeutung, da sie sich entschieden für Nachhaltigkeit und Umweltschutz einsetzen. Sie sollten im Mittelpunkt eines inklusiveren Multi-Stakeholder-Governance-Modells stehen und in allen Phasen, von der Ausarbeitung von Vorschlägen bis zu ihrer Umsetzung, Überwachung und Weiterverfolgung (20) in die Entscheidungsfindung eingebunden werden, etwa durch die Schaffung sektorübergreifender Plattformen. Im Rahmen dieser partizipativen Wege für den Generationswechsel sollten auch die neuen Formen des Engagements junger Menschen über Technologie und soziale Medien anerkannt werden.

4.2.

Die Vorstellungen, Ambitionen und Forderungen junger Menschen müssen konsequent erörtert und berücksichtigt werden, um sicherzustellen, dass sie wirksam in genehmigte und umgesetzte Maßnahmen, Pläne und Programme einbezogen werden.

4.3.

Der Pakt für den ländlichen Raum, ländliche Parlamente (21) und von der örtlichen Bevölkerung betriebene lokale Entwicklung (LEADER/CLLD) sind wesentliche Rahmen, um die Handlungskompetenz junger Menschen zu stärken und ihnen eine herausragende Rolle einzuräumen. Durch die Ausweitung dieser Programme und Initiativen werden die Gemeinschaften in die Lage versetzt, die Herausforderungen im ländlichen Raum wirksam zu bewältigen und nachhaltige Fortschritte voranzutreiben.

4.4.

Die Einbindung von Jugendräten und Jugendorganisationen in die Gemeinschaft des Pakts für den ländlichen Raum auf nationaler Ebene stärkt die Stimme des ländlichen Raums, fördert die Zusammenarbeit und führt zu konkreten Zusagen, die durch ganzheitliche und territoriale Ansätze gestärkt werden müssen. Der Austausch von Wissen, Instrumenten und bewährten Verfahren zwischen der EU und Drittländern sollte gefördert werden.

4.5.

Die Vertretung junger Menschen aus dem ländlichen Raum in der Politik muss verbessert werden, um sicherzustellen, dass ihre Stimme gehört wird und ihre Bedürfnisse angemessen vertreten sind.

5.   Nachhaltige Arbeitsplätze

5.1.

In der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie der EU sind mehr als 44 Mio. Menschen beschäftigt (davon 20 Mio. regulär Beschäftigte allein im Agrarsektor) (22). Aufgrund einer begrenzten Zahl attraktiver Arbeitsstellen und des saisonalen Charakters vieler Beschäftigungsmöglichkeiten fällt es diesen Wirtschaftszweigen jedoch schwer, jüngere Generationen anzuziehen.

5.2.

Diese mangelnde Attraktivität für jüngere Menschen wirft Bedenken hinsichtlich der Fähigkeit der Branche auf, sich an komplexe Agenden anzupassen, die auf Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit sowie soziale und ökologische Erwartungen ausgerichtet sind.

5.3.

Für diese Herausforderungen werden hochwertige Beschäftigungsmöglichkeiten mit stabilen und wettbewerbsfähigen Verträgen, einem angemessenen Sozialschutz und Unterstützung für Unternehmertum gebraucht. Eine nachhaltige Wirtschaft in ländlichen Gebieten kann auch durch Digitalisierung und faire Wettbewerbsregeln für KMU angekurbelt werden, insbesondere im Hinblick auf jüngere Menschen.

5.4.

Starke Tarifverhandlungen, ein verstärkter strukturierter sozialer Dialog und die Anwendung des Mechanismus der sozialen Konditionalität in ländlichen Gebieten und auf subnationaler Ebene sind erforderlich, um einen fairen Wettbewerb zu fördern, die Arbeitnehmerrechte zu wahren und für gleiche Wettbewerbsbedingungen zu sorgen.

5.5.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Beschäftigung von Frauen: Hier sind Maßnahmen zu ihrer umfassenden Eingliederung in den Arbeitsmarkt in der Landwirtschaft und im Lebensmittelsektor erforderlich, um die einschlägigen Herausforderungen zu bewältigen. Die Bereitstellung einer grundlegenden Betreuungsinfrastruktur spielt eine entscheidende Rolle bei der Erhöhung der Attraktivität des ländlichen Raums für Frauen und der Erleichterung ihres Einstiegs ins Erwerbsleben.

5.6.

Die Bemühungen um die Ermutigung und Förderung junger Menschen, die sich den diversen wirtschaftlichen Tätigkeiten in ländlichen und abgelegenen Gebieten widmen, sollten u. a. durch bildungsbezogene und wirtschaftliche Unterstützung verstärkt werden. Generationenübergreifende Mentoring- und Ausbildungsprogramme sowie Verbindungen zu Lernangeboten wie Erasmus+ können von Vorteil sein.

5.7.

Kurze Lieferketten tragen zu einer nachhaltigeren, widerstandsfähigeren und diversifizierten Ernährungswirtschaft bei, schaffen Arbeitsplätze und halten Menschen in ländlichen Gebieten. Darüber hinaus ergreifen Junglandwirte und Unternehmer im ländlichen Raum häufig Initiativen zur Erneuerung traditioneller landwirtschaftlicher Tätigkeiten. Es gilt, öffentliche Investitionen und Unterstützung bereitzustellen, um lokale Erzeugnisse zu fördern und zu verbessern. In diesen Bereichen tätige junge Menschen sollten unterstützt und gefördert werden.

5.8.

Ein eingeschränkter Zugang zu Land und Schwierigkeiten beim Zugang zu Krediten insbesondere für junge Menschen stellen landwirtschaftliche und sonstige Betriebe vor Herausforderungen. Unter den landwirtschaftlichen Erzeugern haben kleine landwirtschaftliche Betriebe, Junglandwirte, neue Marktteilnehmer und innovative Investoren die größten Schwierigkeiten beim Zugang zu Finanzmitteln (23). Die Erleichterung des Zugangs zu Land und Krediten für Unternehmer im ländlichen Raum, insbesondere für junge Inhaber, kann eine nachhaltige Wirtschaft ankurbeln und die nachhaltige Entwicklung ländlicher Gemeinschaften fördern.

5.9.

Verzögerungen von sechs bis acht Monaten bei GAP-Zahlungen beeinträchtigen die finanzielle Stabilität und Planungssicherheit im Agrarsektor, insbesondere für junge Menschen, und müssen beseitigt werden. Die Straffung und Vereinfachung der Verwaltungsverfahren auf allen Ebenen, von der EU bis hin zur regionalen und nationalen Ebene, können hier Abhilfe schaffen und, insbesondere für junge Menschen, sogar einen Anreiz schaffen. Zudem lassen sich so die Effizienz und Wirksamkeit der Governance verbessern.

5.10.

Beschäftigungsmöglichkeiten im ländlichen Raum über den Agrarsektor hinaus — wie Tourismus, Kultur und Sport — tragen zur nachhaltigen Entwicklung und Vitalität dieser Gebiete bei und können junge Menschen anziehen, weshalb sie angemessen unterstützt werden müssen.

6.   Bildung und Ausbildung

6.1.

Die allgemeine und berufliche Bildung auf allen Ebenen ist für die Förderung der Entwicklung des ländlichen Raums überaus wichtig, da sie für die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse sorgt.

6.2.

Die Bildungssysteme sollten auf eine transformative Bildung setzen, die es jungen Menschen ermöglicht, den systemischen Wandel voranzutreiben (24). Einem aktuellen Bericht des Weltklimarats (IPCC) zufolge hat transformatives Lernen entscheidende Bedeutung, da es dazu beiträgt, sowohl ein gemeinsames Bewusstsein als auch kollektive Maßnahmen zu fördern (25). In der transformativen Bildung werden entsprechend der Definition der Unesco Einzelpersonen durch praktische Erfahrungen, Beobachtung und eine umfassende Perspektive aktiv einbezogen. Sie fördert eine ganzheitliche Entwicklung und versetzt die Menschen in die Lage, sich sinnvoll in ihrem Umfeld einzubringen.

6.3.

Der Schwerpunkt des Europäischen Jahres der Kompetenzen 2023 sollte auf den Kompetenzen liegen, die für die Bewältigung des grünen und des digitalen Wandels sowie für die Umsetzung von Maßnahmen für eine nachhaltige Entwicklung erforderlich sind. Dabei sollte den Herausforderungen Rechnung getragen werden, vor denen junge Menschen in einer sich rasch wandelnden Welt stehen.

6.4.

Bei der allgemeinen und beruflichen Bildung sollte ein bereichsübergreifender Ansatz verfolgt werden, bei dem die lokalen Gegebenheiten und die Bedürfnisse vor Ort berücksichtigt werden. Die organisierte Zivilgesellschaft, die die häufig wechselnden Forderungen der Menschen vertritt und unterstützt, sollte in die Planung und Umsetzung dieses Vorgehens einbezogen werden.

6.5.

Investitionen in Kompetenzen und Qualifikationen sind notwendig, insbesondere angesichts der Brüche in den beruflichen Laufbahnen in der Branche und der neuen Beschäftigungsmöglichkeiten, die durch den grünen Wandel und die Kreislaufwirtschaft geschaffen werden und spezifische Kompetenzen erfordern. Junge Menschen, die weder arbeiten noch eine Schule besuchen oder eine Ausbildung absolvieren, Menschen mit Behinderungen, schutzbedürftige Personen und marginalisierte Gemeinschaften im ländlichen Raum sollten angemessen unterstützt werden.

6.6.

In den Programmen Erasmus+ und LEADER/CLLD sollten spezifische Möglichkeiten vorgesehen werden, um Führungskompetenzen zu entwickeln und für ein besseres Verständnis zwischen jungen Menschen aus ländlichen und städtischen Gebieten zu sorgen. Dies kann ihre Teilhabe an einem inklusiveren Multi-Stakeholder-Governance-Modell erleichtern.

6.7.

Allgemeine und berufliche Bildung sowie Forschung spielen eine entscheidende Rolle bei der Überprüfung der Land- und Weidewirtschaft auf Inseln sowie in Binnen- und Berggebieten, indem sie den Generationswechsel in landwirtschaftlichen Familienbetrieben erleichtern und eine nachhaltige und territorial ausgewogene Entwicklung in der EU sicherstellen. Die Verbesserung der Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen ist von entscheidender Bedeutung, damit den Erwartungen der Verbraucher an Produktionsqualität und Nachhaltigkeit entsprochen werden kann.

6.8.

Von einer neuen Generation von Leitern landwirtschaftlicher Betriebe kann erwartet werden, dass sie über die erforderlichen Kompetenzen verfügt um: effizienter zu produzieren und zugleich die Umwelt zu schützen; zur Bewältigung des Klimawandels beizutragen; den Forderungen der Gesellschaft in Bezug auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung und den Tierschutz gerecht zu werden; und mit dem immer rascheren wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt Schritt zu halten. Höher qualifizierte Arbeitskräfte könnten in der Lage sein, die Produktivität des Agrarsektors und zu steigern und mehr Einkommen zu generieren (26).

6.9.

Hochschulen im ländlichen Raum in Europa und dezentrale öffentliche Dienstleistungen sind wichtig für die Bereitstellung von Aus- und Weiterbildung, Orientierung und Beratung, die auf die besonderen Bedürfnisse ländlicher Gemeinschaften zugeschnitten ist. Diese Einrichtungen tragen zur Entwicklung des ländlichen Raums bei, indem sie einschlägige Programme und Dienstleistungen anbieten, die den lokalen Bedürfnissen entsprechen. Die Einbeziehung zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie die Stärkung und Entwicklung der nichtformalen Bildung könnten in dieser Hinsicht ebenfalls von Nutzen sein.

7.   Bewährte Verfahren zur Bewältigung der Herausforderungen für junge Menschen im ländlichen Raum

7.1.

Dieser Abschnitt umfasst eine Auswahl bewährter Verfahren für den Einsatz und das Engagement von Einzelpersonen, Organisationen und Gemeinschaften zugunsten eines positiven Wandels im ländlichen Raum, entsprechend den „Schlussfolgerungen und Empfehlungen“ mit ihren möglichen transformativen Auswirkungen auf die dortige Jugend. Diese Initiativen ergeben zusammen einen Fahrplan für den Aufbau einer besseren Zukunft für alle, in der ländliche Gebiete eine entscheidende Rolle für den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt spielen und jungen Menschen Gleichbehandlung und uneingeschränkte Teilhabe sowohl im ländlichen als auch im städtischen Umfeld gewährleistet werden.

7.2.

In Bezug auf die Förderung der Datenerhebung und der jugendzentrierten Forschung als Orientierungshilfe für gezielte Investitionen und politische Maßnahmen ermittelt die Themengruppe zur Jugendbeschäftigung im ländlichen Raum (27) des EU-GAP-Netzwerks die Herausforderungen, mit denen junge Menschen in der gesamten Europäischen Union konfrontiert sind, fördert den Austausch von Ideen und Initiativen und erleichtert so den Austausch von Daten und Wissen. Darüber hinaus kann die Gemeinschaft des Pakts für den ländlichen Raum maßgeblich zu der Datenerhebung und der Einbeziehung der Bevölkerung beitragen.

7.3.

Hinsichtlich der Notwendigkeit, ländliche Gebiete für junge Menschen attraktiv zu machen, spielen die Gemeinschaft des Pakts für den ländlichen Raum, der Europäische Bildungsraum (28), das innovative soziale Startup „Ca’ Colonna“ (29) sowie EU-Programme wie Erasmus+ und Europäisches Solidaritätskorps eine entscheidende Rolle dabei, die Handlungskompetenz junger Menschen zu stärken, ihr Engagement für die Entwicklung des ländlichen Raums zu fördern und ihnen den Zugang zu den entsprechenden Dienstleistungen zu ermöglichen. Diese Initiativen gewährleisten hochwertige Dienstleistungen, Beschäftigung, Bildung und zugängliche Infrastrukturen.

7.4.

Was die Förderung des Generationswechsels und der Multi-Stakeholder-Governance betrifft, so stärken das COCOREADO-Projekt (30), das Programm der Vereinten Nationen Youth2030 (31) und das RURBEST22 (32)-Projekt die Jugend, fördern die Zusammenarbeit und erkennen die sich wandelnden Formen des Engagements junger Menschen über Technologie und soziale Medien entsprechend der Forderung des EWSA nach partizipativen Wegen an. Die Gemeinschaft des Pakts für den ländlichen Raum fördert zudem die Multi-Stakeholder-Governance und die Einbeziehung von jungen Menschen und politischen Entscheidungsträgern.

7.5.

Was die Bedeutung einer nachhaltigen Wirtschaft und hochwertiger Beschäftigung betrifft, so bieten die European School Education Platform (33) und die neuen Programme Erasmus und Europäisches Solidaritätskorps hochwertige allgemeine und berufliche Bildung sowie stabile Arbeitsverträge. In diesen Programmen wird auch für Arbeitnehmerrechte und faire Wettbewerbsbedingungen plädiert, was unserem Engagement für die Förderung hochwertiger Beschäftigungsmöglichkeiten entspricht. Auch hier trägt die Gemeinschaft des Pakts für den ländlichen Raum zur Förderung von Beschäftigungsmöglichkeiten in ländlichen Gebieten bei.

7.6.

Was die Empfehlung für einen leichteren Zugang zu Land und Krediten angeht, so bietet die Initiative „Domaine Public Maritime“ (34) in Frankreich Jungunternehmern des ländlichen Raums Perspektiven und vereinfacht den Zugang zu Land. Dabei wird die Vision des EWSA unterstützt, den Zugang zu Land und Krediten für Unternehmer im ländlichen Raum und ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu erleichtern.

7.7.

Die Empfehlung für bereichsübergreifende allgemeine und berufliche Bildung wird durch die European School Education Platform, das COCOREADO-Projekt und die Umweltschulen (35) ergänzt. Diese Verfahren unterstützen die Bildung auf allen Ebenen, sind auf den lokalen Bedarf zugeschnitten und spiegeln die Bedeutung der bereichsübergreifenden Bildung und der Einbeziehung der Gemeinschaft wider. Die „Youth Action for a Better Food Future“ (36) des Welternährungsforums umfasst auch Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen auf verschiedenen Ebenen im Zusammenhang mit nachhaltigen Lebensmittelsystemen.

7.8.

Die Forderung, den Schwerpunkt auf Kompetenzen für den ökologischen Wandel zu legen, findet Resonanz in der „Youth Action for a Better Food Future“ des Welternährungsforums, die eine entscheidende Rolle in der Frage der für den ökologischen Wandel und Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung erforderlichen Kompetenzen spielt, insbesondere in Verbindung mit Lebensmittelsystemen und der Landwirtschaft.

7.9.

Was schließlich die Anerkennung der Rolle der Universitäten im ländlichen Raum, die Dezentralisierung und die nichtformale Bildung betrifft, zeigen die European School Education Platform und das COCOREADO-Projekt, wie wichtig auf die ländliche Bevölkerung zugeschnittene Bildung, Orientierung und Beratung sind. Ihr Schwerpunkt auf der Einbeziehung der Zivilgesellschaft steht voll und ganz im Einklang mit der Rolle der Zivilgesellschaft bei der Entwicklung des ländlichen Raums.

Brüssel, den 14. Dezember 2023

Der Präsident des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses

Oliver RÖPKE


(1)  https://ruralpact.rural-vision.europa.eu/rural-pact_en.

(2)  https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/IP_21_5402.

(3)  https://ec.europa.eu/enrd/leader-clld_de.html.

(4)  Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema ”Eine ganzheitliche Strategie für nachhaltige ländliche und städtische Entwicklung (ABl. C 105 vom 4.3.2022, S. 49).

(5)  Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Die nachhaltige Wirtschaft, die wir brauchen“ (ABl. C 106 vom 31.3.2020, S. 1).

(6)  COM(2021) 345 final.

(7)  Urban-rural Europe — introduction, Eurostat (https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Urban-rural_Europe_-_introduction#Area_and_population).

(8)  https://www.iied.org/rural-urban-linkages.

(9)  Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Eine langfristige Vision für die ländlichen Gebiete der EU“ (ABl. C 290 vom 29.7.2022, S. 137).

(10)  https://youth.europa.eu/strategy_de.

(11)  https://observatory.rural-vision.europa.eu/?lng=de&ctx=RUROBS.

(12)  https://rural-vision.europa.eu/action-plan/cross-cutting/rural-proofing_de.

(13)  https://www.youthforum.org/topics/eu-youth-test.

(14)   ABl. C 193 vom 9.6.2020, S. 3.

(15)  Eurostat, Jahrbuch der Regionen 2023.

(16)  GAP 2023-2027: Junglandwirte, Europäische Kommission.

(17)  Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Nachhaltige Wasserbewirtschaftung und Klimanotstand: Kreislauf- und sonstige Lösungen für den Agrar- und Lebensmittelsektor der EU in einem künftigen Blauen Deal“ (ABl. C 349 vom 29.9.2023, S. 80).

(18)  Desertification and agriculture, EPRS.

(19)  https://farmwell-h2020.eu/.

(20)  Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Eine langfristige Vision für die ländlichen Gebiete der EU“ (ABl. C 290 vom 29.7.2022, S. 137) und Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Für eine strukturierte Einbeziehung junger Menschen in den EU-Beschlussfassungsprozess in Klima- und Nachhaltigkeitsfragen“ (ABl. C 429 vom 11.12.2020, S. 44).

(21)  https://europeanruralparliament.com/index.php/home/about-us.

(22)  Landwirtschaft — Maßnahmen der EU (https://european-union.europa.eu/priorities-and-actions/actions-topic/agriculture_de).

(23)  Financial needs in the agriculture and agri-food sectors in the European Union, fi-compass, 2020.

(24)  Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Junge Menschen und nachhaltige Entwicklung — Stärkung ihrer Handlungskompetenz durch Bildung“ (ABl. C 100 vom 16.3.2023, S. 38).

(25)  Climate Change 2022: Mitigation of Climate Change, S. 2871.

(26)  Eurostat, Jahrbuch der Regionen 2023.

(27)  https://eu-cap-network.ec.europa.eu/thematic-group-rural-youth-employment-voice-rural-youth_de.

(28)  https://education.ec.europa.eu/de.

(29)  https://www.cacolonna.it/.

(30)  https://cocoreado.eu/cocoreado/.

(31)  https://www.unyouth2030.com/.

(32)  http://elard.eu/actions/rural-youth-in-action-from-local-to-european-level/.

(33)  https://school-education.ec.europa.eu/de.

(34)  https://strugglesforlandforum.net/un-exemple-de-gestion-des-communs-lespace-public-maritime/.

(35)  https://www.ecoschools.global/.

(36)  https://www.world-food-forum.org/youth-action/en.


ELI: http://data.europa.eu/eli/C/2024/1570/oj

ISSN 1977-088X (electronic edition)