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22.9.2010 |
DE |
Amtsblatt der Europäischen Union |
C 255/66 |
Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zu der „Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen — Eine neue Partnerschaft zur Modernisierung der Hochschulen: EU-Forum für den Dialog zwischen Hochschule und Wirtschaft“
KOM(2009) 158 endg.
(2010/C 255/12)
Berichterstatter: Brendan BURNS
Die Kommission beschloss am 2. April 2009, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss gemäß Artikel 262 des EG-Vertrags um Stellungnahme zu folgender Vorlage zu ersuchen:
„Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen - Eine neue Partnerschaft zur Modernisierung der Hochschulen: EU-Forum für den Dialog zwischen Hochschule und Wirtschaft“
KOM(2009) 158 endg.
Die mit den Vorarbeiten beauftragte Fachgruppe Beschäftigung, Sozialfragen, Unionsbürgerschaft nahm ihre Stellungnahme am 15. Oktober 2009 an. Berichterstatter war Brendan BURNS.
Der Ausschuss verabschiedete auf seiner 458. Plenartagung am 16./17. Dezember 2009 (Sitzung vom 17. Dezember) mit 60 gegen 12 Stimmen bei 11 Stimmenthaltungen folgende Stellungnahme:
1. Empfehlungen
1.1 Der EWSA erachtet es als nicht angebracht, für sämtliche Hochschulen ungeachtet ihres Status und ihrer Bezeichnung in den Mitgliedstaaten den Begriff „Universität“ (Anm.d. Übers.: „Hochschulen“ in der deutschen Fassung des Kommissionsdokuments) zu verwenden. Bei der Förderung der Partnerschaft zwischen Hochschulen und Wirtschaft muss ganz im Gegenteil unterschieden werden, für welche Disziplinen diese Partnerschaft auch wirklich zweckdienlich ist. Außerdem muss beiden Partnern die Bewertung überlassen bleiben, wie vorteilhaft diese Partnerschaft für sie ist. Daher schlägt der EWSA vor, den Begriff „Hochschule“ (Anm.d. Übers.: „higher education institutions“ in der englischen Originalfassung dieser Stellungnahme) als Oberbegriff zu verwenden und den Titel des Forums entsprechend abzuwandeln.
1.2 Im Mittelpunkt der Kommissionsmitteilung wie auch der Arbeit des Forums für den Dialog zwischen Hochschulen und Wirtschaft sollten die Zusammenarbeit und die Einflussnahme in Bereichen stehen, in denen das auch wirklich zweckdienlich ist. Dies muss im Vorfeld eingehend untersucht werden, insbesondere in der gegenwärtigen Krise, da nicht sicher ist, ob die Wirtschaft in der Lage ist, (auf lange Sicht) direkt in künftige Absolventen zu investieren. Das Forum muss genutzt werden, um das langfristige öffentliche Interesse in Bezug auf Bildung und Arbeitsmarktentwicklung festzulegen.
1.3 Die Konsultation der Sozialpartner und der Vertreter der Zivilgesellschaft ist hierfür wünschenswert. Die Zusammenarbeit mit Unternehmen und die Einrichtung des Forums müssen zielgerichtet sein und dürfen nicht in einem Mechanismus enden, der kaum über das Einwerben weiterer Drittmittel für bestehende Tätigkeiten der Hochschulen hinausgeht. Diese Bemühungen und die Schaffung von Foren dürfen auch nicht als Mittel für die Unternehmen zur „Beherrschung“ der Hochschulen dienen.
1.4 Der EWSA spricht sich für eine gleichwertigere Partnerschaft zwischen Hochschulen und Unternehmen aus, bei der beide Seiten Veränderungen voranbringen und wertvolle Beiträge liefern, ihre jeweils unterschiedlichen Ziele und gesellschaftlichen Aufgaben anerkennen und gleichzeitig jene Themenfelder und Berührungspunkte identifizieren und nutzen, aus denen Zusammenarbeit entstehen kann (1).
1.5 Bezüglich des lebenslangen Lernens bedarf es empirischer Untersuchungen zur eindeutigen Ermittlung der Aufgaben von Unternehmen und der erwarteten Ergebnisse, bevor sich das Forum der Entwicklung von Zielen für die allgemeine und berufliche Bildung zuwendet.
1.6 Die Unternehmen müssen Verantwortung bei der Festlegung von Ergebnissen bezüglich dessen übernehmen, was am Arbeitsplatz geleistet wird bzw. werden muss, und der Notwendigkeit des lebenslangen Lernens für die Arbeitnehmer/innen Rechnung tragen.
1.7 Der Zugang zu Programmen für lebenslanges Lernen darf nicht an vorherige akademische Leistungen oder den Erwerb spezifischer Qualifikationen gebunden sein. Lebenslanges Lernen muss sich auf die praktischen Bedürfnisse der Arbeitnehmer/innen und auf die Anforderungen ihres Arbeitsplatzes beziehen. Fortbildungsmaßnahmen am Arbeitsplatz sollten stets ergebnisorientiert sein. Der Erwerb von Qualifikationen sollte nicht das Hauptziel lebenslangen Lernens sein.
1.8 Im Unternehmen ist praktische Erfahrung durch nichts zu ersetzen. Daher sollte das Forum Vorschläge dafür erarbeiten, wie Hochschüler/innen qualifizierende Erfahrungen mit großen und kleinen Unternehmen sammeln können. Es stehen umfangreiche Erfahrungen zur Verfügung, und es sollten bewährte Verfahren untersucht werden.
1.9 KMU und Kleinstunternehmen sollten ermutigt werden, sich stärker am Forum zu beteiligen.
1.10 Für die Arbeit des Forums sollte eine leichter zu handhabende Definition von KMU zur Anwendung kommen. Wir würden folgende Unterteilung vorschlagen:
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Unternehmenskategorie |
Beschäftigte |
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Mittleres Unternehmen |
<100 |
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Kleines Unternehmen |
<20 |
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Kleinstunternehmen |
<5 |
2. Hintergrund - ein Überblick
2.1 Die allgemeine und berufliche Bildung gilt als wesentlicher Faktor für das Erreichen der Gesamtziele der Lissabon-Strategie. Damit die europäische Gesellschaft in der neuen Weltwirtschaft überleben und konkurrieren kann, müssen die Bürger mehr Unternehmergeist entwickeln. In diesem Sinne müssen die europäischen Bildungssysteme modernisiert und die Rolle der Hochschulen und Unternehmen als wesentliche Triebkräfte dieses Prozesses anerkannt werden.
2.2 Es gibt bereits Partnerschaften zwischen großen, multinationalen Unternehmen und Hochschulen sowie zwischen Forschungsorganisationen und Unternehmen. Die gemeinsamen Technologieinitiativen, die europäischen Technologieplattformen, die Exzellenzcluster und das neu gegründete Europäische Innovations- und Technologieinstitut sind gute Beispiele für neue Formen der Zusammenarbeit und Partnerschaft. Leider sind ähnliche Beziehungen zwischen Hochschulen und Kleinstunternehmen bzw. KMU noch nicht genügend ausgereift.
2.3 Neue Forschungsschwerpunkte werden benötigt, um das Wissen über die sich wandelnde Welt der höheren Bildung und die Rolle der Wissenschaftler zu erweitern. Den Hochschulen wird eine zentrale Rolle beim Aufbau einer europäischen „Wissensgesellschaft“ zugewiesen; aus neueren Studien geht zudem hervor, dass der Erwartungsdruck auf Universitäten zunimmt. Diese verschiedenen Erwartungen können nur schwer miteinander in Einklang gebracht werden: Universitäten sollen die Forschung ausweiten, wettbewerbsfähig und kosteneffizient sein, darüber hinaus den Studenten ein gutes Betreuungsverhältnis bieten und hohe wissenschaftliche Standards aufrechterhalten. Dementsprechend sind ihre Aufgaben verwässert; die Hochschulen stehen in der Gefahr, ihrer Rolle nicht mehr gerecht zu werden, die darin besteht, Wissen zu generieren und zu verbreiten (2).
2.4 In der Mitteilung vom Mai 2006 zur Modernisierung der Hochschulbildung (3) wurde gefordert, dass die Wirtschaft auf drei Gebieten einen Beitrag leistet:
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Verwaltung: Einführung von Unternehmensmanagementmodellen in die Hochschulwelt; |
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Finanzierung: den Unternehmen kommt eine potenzielle Rolle bei der finanziellen Unterstützung sowohl der Lehre als auch der Forschung zu; |
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Lehrpläne: die Studenten müssen eine Ausbildung erhalten, die sie auf die aktuelle und künftige Arbeitswelt vorbereitet. In diesen Prozess müssen die Unternehmen eingebunden werden, die auch Praktika anbieten müssen, um den Studenten beim Übergang vom Studium ins Arbeitsleben zu helfen. Außerdem sollten die Unternehmen dazu ermutigt werden, ihr Personal für Fortbildungen und Lehrgänge freizustellen, um dessen Fähigkeiten immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen. |
2.5 Im Jahr 2008 rief die Kommission das Forum Hochschule und Wirtschaft ins Leben, das den Hochschulen durch eine Förderung der Zusammenarbeit mit Unternehmen dabei behilflich sein soll, „besser und schneller auf Anforderungen des Marktes zu reagieren und Partnerschaften zur Nutzung der wissenschaftlichen und technologischen Erkenntnisse zu entwickeln“.
2.6 Zu den Forumsteilnehmern gehörten Hochschulen, Unternehmen, Unternehmensverbände, Vermittler und öffentliche Verwaltungen. Sie berieten über den Austausch bewährter Verfahren sowie über gemeinsame Probleme und mögliche Lösungsansätze.
3. Wesentlicher Inhalt des Kommissionsvorschlags
3.1 Das Bedürfnis nach einer besseren Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen wird von der Kommission erkannt. Dementsprechend müssen Maßnahmen ergriffen werden, um die Mitgliedstaaten bei ihren Anstrengungen zur Modernisierung ihrer Hochschulsysteme zu unterstützen.
3.2 Mit der vorliegenden Mitteilung werden folgende Ziele verfolgt:
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Bestandsaufnahme der Lehren, die aus dem ersten Jahr des Bestehens des Forums und anderen einschlägigen Aktivitäten auf europäischer Ebene hinsichtlich der Herausforderungen und Hindernisse für die Zusammenarbeit von Hochschulen und Unternehmen gezogen werden können. In einem Arbeitspapier der Kommissionsdienststellen wird dieser Aspekt der Arbeiten ausführlicher behandelt; |
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Vorschläge für die weiteren Arbeiten des Forums; |
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Skizzierung konkreter Folgemaßnahmen zur Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen. |
3.3 Zu den wesentlichen Schlussfolgerungen des Berichts, die die Arbeiten des Forums beeinflussen werden, gehören folgende:
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Die Entwicklung einer Unternehmenskultur an den Hochschulen erfordert grundlegende Veränderungen in der Hochschulleitung und -verwaltung; |
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die Vermittlung unternehmerischer Fähigkeiten muss umfassend ausgerichtet sein und interessierten Studierenden aller Fachbereiche offenstehen; |
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die Hochschulen sollten Unternehmer und Fachleute aus der Praxis in die Vermittlung unternehmerischer Fähigkeiten einbeziehen; |
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Professoren und Dozenten sollten die Möglichkeit haben, die Vermittlung unternehmerischer Fähigkeiten zu erlernen und mit der Unternehmenswelt in Kontakt zu treten; |
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Hochschulen und öffentliche Forschungseinrichtungen sollten klare langfristige Strategien für den Umgang mit Rechten am geistigen Eigentum haben; |
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besondere Probleme der KMU bei der Teilnahme an Partnerschaften mit Hochschulen müssen berücksichtigt werden; |
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das lebenslange Lernen ist voll und ganz in die Aufgaben und Strategien der Hochschulen zu integrieren; |
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die Aktualisierung/Verbesserung der Fähigkeiten muss auf dem Arbeitsmarkt und von den Arbeitgebern honoriert und anerkannt werden; |
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das lebenslange Lernen muss gemeinsam mit den Unternehmen entwickelt werden - die Hochschulen können Planung und Angebot nicht allein bewältigen; |
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die nationalen und regionalen Rahmenbedingungen müssen den Hochschulen ein günstiges Umfeld dafür bieten, mit den Unternehmen zusammenzuarbeiten; |
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die Zusammenarbeit von Hochschulen und Unternehmen muss in die institutionellen Strategien eingebettet sein; die Leitungsstrukturen und eine wirksame Personalverwaltung sind für die praktische Umsetzung von zentraler Bedeutung. |
3.4 Zur Unterstützung der Debatte über diese Ziele erhält das EU-Forum für den Dialog zwischen Hochschule und Wirtschaft in den Plänen der Kommission eine rigidere Struktur mit Plenartagungen und thematischen Seminaren. Ein entsprechender Internetauftritt wird empfohlen. Des Weiteren sollen nationale und regionale Behörden und andere Stellen außerhalb der EU zur Beteiligung ermutigt werden.
3.5 Auf der Grundlage der Ergebnisse des Forums plant die Kommission, neue Formen strukturierter Partnerschaften zwischen Universitäten und Unternehmen, insbesondere KMU, auszuloten und zu prüfen, wie diese Partnerschaften durch EU-Programme unterstützt werden könnten. Die Kommission wird außerdem der Frage nachgehen, ob der Dialog mit den Unternehmen auf andere Bereiche der allgemeinen und beruflichen Bildung ausgeweitet werden kann.
4. Allgemeine Bemerkungen und Erläuterungen des EWSA
4.1 Auch wenn der EWSA begrüßt, dass die Kommission sich für die Verbesserung der Beziehungen zwischen Hochschulen und Wirtschaft einsetzt, hält er es für besorgniserregend, dass die in den vorherigen Dokumenten aufgeführten Kritikpunkte durch den Inhalt der Mitteilung lediglich bestätigt werden und die Kommission dabei ein weiteres Mal zu dem Schluss kommt, dass es ein Problem gibt und etwas getan werden muss, um dieses Problem zu lösen. Hierbei beobachtet der EWSA mit Sorge, dass die Kommission, sofern sie Maßnahmen zur Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen und den Unternehmen vorschlägt, einen einseitigen Ansatz wählt, z.B. „die Hochschulen sollen unternehmerische Managementstrukturen übernehmen, die unmittelbare Mitwirkung von Fachleuten aus der Praxis erleichtern, die Vermittlung von unternehmerischer Kompetenz einführen usw.“ (siehe Ziffer 3.3).
4.2 Der EWSA fürchtet, dass in der Mitteilung ein zu akademischer Ansatz verfolgt wird und die Empfehlungen zu vage sind und Spielraum für Interpretationen lassen. Verwirrung wird dadurch gestiftet, dass mit dem Begriff „Hochschulen“ (Anm.d. Übers.: „university“ in der englischen Originalfassung dieser Stellungnahme) alle höheren Bildungseinrichtungen bezeichnet werden, ungeachtet ihrer Bezeichnung und ihres jeweiligen Status in den Mitgliedstaaten. Die verschiedenen höheren Bildungseinrichtungen bieten der Wirtschaft unterschiedliche Dienste an. Einrichtungen, die auf die Vermittlung von Kompetenzen spezialisiert sind, bieten andere Produkte als die Einrichtungen an, die sich auf die Vermittlung von Wissen konzentrieren. So besteht z.B. die Hauptaufgabe der klassischen Hochschulen - in denen die Geistes- und Sozialwissenschaft sowie die Grundlagenforschung eine herausragende Rolle spielen - darin, Wissen zu produzieren und die kulturelle Kontinuität zu wahren.
4.3 Die meisten Arbeitgeber verstehen die traditionelle Unterscheidung zwischen Universitäten und anderen Formen höherer Bildung. Sie erwarten von den Universitäten, dass sie Studierende dahingehend ausbilden, dass diese bei Abschluss ihres Studiums ein tiefgreifendes Verständnis ihres Fachgebiets erlangt haben. Für sie ist der Abschluss eines Universitätsstudiums eher ein Hinweis auf das Potenzial als die Bescheinigung von Fähigkeiten des Absolventen; im Falle eines Fachhochschul- bzw. Fachschulabschlusses gehen sie davon aus, dass dieser Abschluss die Fähigkeit zur Ausführung entsprechender Tätigkeiten bescheinigt. Die Mitteilung und das dazugehörige Arbeitspapier der Kommissionsdienststellen tragen nicht zur Klärung dieser Fragen bei.
4.4 Der EWSA ist sich der Probleme im Zusammenhang mit dem unternehmerischen Denken der Hochschulen bewusst. Er ist der Ansicht, dass ein unreflektiertes Übertragen von Prozessen und Verfahren aus den USA auf Europa nicht funktioniert. Die europäischen Hochschulen müssen einen neuen Weg der Zusammenarbeit mit Unternehmen finden und die von ihnen angebotenen Dienstleistungen, Qualifikationen und Ergebnisse verbessern, ohne dass dadurch ihre Fähigkeit zur Grundlagenforschung beeinträchtigt würde, die für das Überleben der EU im weltweiten Wettbewerb von zentraler Bedeutung ist.
4.5 Im heutigen wirtschaftlichen Umfeld müssen die europäischen Hochschulen „kundenorientierter“ werden und sich vor Augen führen, was sie die Gesellschaft kosten und welchen Nutzen sie ihr bringen. In diesem Sinne sollte das Forum Hochschule und Wirtschaft der ideale Partner für die Hochschulen werden. Der Begriff „Kunde“ muss allerdings noch definiert werden, und zwar aus Sicht des öffentlichen Interesses, der Arbeitgeber und des einzelnen Studierenden.
4.6 Diese veränderten Prioritäten haben für die Hochschulen finanzielle Auswirkungen. Die Frage, inwieweit der Markt die Prioritäten von Forschung und Lehre bestimmt, ist so wesentlich, dass ihr große Aufmerksamkeit gewidmet werden muss. Eine ausschließliche Fokussierung auf Wettbewerbsfähigkeit und eine Ausrichtung auf die Wirtschaft als absolute Werte könnten u.a. dazu führen, dass die Lehrpläne zusammengestrichen und die Forschungsbereiche verengt werden. Diese Tendenz kann am weltweiten Niedergang der klassischen Disziplinen beobachtet werden. Der Niedergang (4) beschränkt sich nicht auf die Geisteswissenschaften, sondern betrifft auch klassische Disziplinen wie Chemie, Physik und Mathematik sowie Wirtschaftswissenschaft und die anderen Bereiche der Gesellschaftswissenschaften.
4.7 In der Mitteilung der Europäischen Kommission heißt es, dass das Hauptziel jeglicher Empfehlung darin bestehe, die europäischen Hochschulen zu befähigen, „das Bestreben Europas, zur weltweit führenden wissensbasierten Wirtschaft und Gesellschaft zu werden, entscheidend voranzutreiben“. Auch wenn diese Absicht durchaus löblich erscheinen mag, gibt es Vorbehalte gegenüber der Ansicht, die Hochschulen seien die alleinigen „Triebkräfte“. Der EWSA würde eher von einer gleichwertigen Partnerschaft zwischen Unternehmen und Hochschulen sprechen, bei der beide Seiten ihre jeweiligen Stärken und Schwächen anerkennen und gleichermaßen Veränderungen voranbringen. Hierbei sollten die Unternehmen praktische Erfahrung und Marktkenntnis einbringen und die Hochschulen für den wissenschaftlichen Inhalt und theoretische Unterfütterung sorgen. Der EWSA betont allerdings, dass neben den Unternehmen und Hochschulen noch eine ganze Reihe weiterer Faktoren „Triebkräfte“ für die europäischen Bemühungen sind. Diese Bemühungen lassen sich beispielsweise an den zahlreichen Maßnahmen der EU und der Mitgliedstaaten festmachen, insbesondere der Unterstützung von Bildungsinitiativen und Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch die Gesellschaft.
4.8 Der EWSA anerkennt die Notwendigkeit, dass der Lernstoff unter dem Aspekt der Beschäftigungsfähigkeit angepasst wird, und beurteilt die Tatsache positiv, dass im Arbeitspapier auf die „Ergebnisse“ Bezug genommen wird (5.2/5.2.3/5.5.5), ist aber nach wie vor der Auffassung, dass das nicht die einzige Aufgabe der Hochschulen sein kann. Allerdings fragt er sich mit Sorge, wie und durch wen diese Ergebnisse bestimmt werden und wie die berufliche Aus- und Weiterbildung und deren Abschlüsse in ein wie auch immer geartetes endgültiges Schema der Hochschul- und Berufsbildung sowie der jeweiligen Abschlüsse eingepasst werden sollen. Wir denken, dass die Bestimmung dieser Ergebnisse zur Abgleichung der Berufsqualifikationen mit den Bedürfnissen der Arbeitgeber insbesondere hinsichtlich der KMU und Kleinstunternehmen von zentraler Bedeutung sind, stellen aber auch fest, dass angesichts der Ausbildungsdauer und der sich verändernden Natur der nicht harmonisierten europäischen Arbeitsmärkte es sehr schwierig sein wird, eine solche Übereinstimmung zwischen Ausbildung und Beschäftigung im Unternehmen zu erzielen. Bei den wirtschaftsnahen Fachgebieten müssen die Hochschulen den aktuellen Anforderungen der sich verändernden Wirtschaftswelt an die Studierenden bzw. Absolventen durch Vermittlung der entsprechenden theoretischen Kenntnisse gerecht werden.
4.9 Obwohl lebenslanges Lernen für Unternehmen und Bürger ein wichtiger Faktor ist, wird das Problem des gleichberechtigten Zugangs in der Mitteilung nicht behandelt. Hierbei handelt es sich um ein schwerwiegendes Problem, das insbesondere die Bürger betrifft, die über keinen Hochschulabschluss verfügen. Zweifellos werden in Ermangelung spezifischer Empfehlungen diejenigen, die bereits über einen Hochschulabschluss verfügen, weitere Hilfe und Fortbildung erhalten, während Personen ohne Hochschulabschluss nicht in Kontakt mit Hochschulen bzw. deren Programmen für lebenslanges Lernen kommen werden.
4.10 Die Kommission scheint davon auszugehen, dass sie durch bloße Treffen mit Arbeitgebern und Hochschulvertretern ermitteln kann, in welchen Fachbereichen es an Kompetenzen mangelt. Während die Kommission einerseits eine Ausweitung der wissenschaftlichen Forschung fordert, spricht sie in diesem Fall ironischerweise keinerlei Empfehlung zur Anwendung wissenschaftlicher Methoden aus, um genau festzustellen, wo es an Fähigkeiten mangelt und welche Anforderungen die allgemeine und berufliche Bildung erfüllen muss, um diesen Mangel zu beheben. Durch die Einrichtung von Institutionen (z.B. Vereinen) an den Hochschulen, gemeinsam mit großen Unternehmen, kann der Bedarf an Qualifikationen der Absolventen für die Praxis erfasst werden, damit diese den Erfordernissen der Wirtschaft besser entsprechen; außerdem können diese Institutionen bei der Vermittlung von Absolventen an die Unternehmen unterstützend wirken.
4.11 Dieser Mangel an konkreten Angaben betrifft insbesondere das lebenslange Lernen. Um eindeutig zu bestimmen, welche Aufgaben Unternehmen wahrnehmen und welche Aufgaben erfüllt werden müssen, sollten empirische Untersuchungen durchgeführt werden. Sodann sollte die Aus- und Weiterbildung auf diese Ergebnisse abgestimmt werden. Da die Beschreibung der Unternehmensergebnisse eine praktische Frage ist, müssen sich die Unternehmen an dem Entwicklungsprozess beteiligen und die entsprechenden Ziele definieren. Die Informationen für die Betroffenen sind von zentraler Bedeutung. Wenn z.B. bekannt ist, dass in einem Bereich - wie dem der Meeresberufe - eine hohe Beschäftigungsnachfrage besteht, sollten potenzielle Studenten darüber informiert werden, an welchen (nationalen oder europäischen) Hochschulen eine Ausbildung für diese sehr unterschiedlichen und mitunter hoch qualifizierten Berufe angeboten wird.
4.12 In der Mitteilung der Kommission heißt es in Ziffer 2: „Bei der Zusammenarbeit von Hochschulen und Unternehmen treffen zwei Welten mit ausgeprägten Unterschieden in Kultur, Werten und Aufgaben aufeinander.“ Danach geht die Kommission detailliert darauf ein, wie Partnerschaften zwischen den beiden Bereichen aufgebaut wurden, und gibt dann zu: „Der Grad der Zusammenarbeit unterscheidet sich jedoch je nach Land, Hochschule und Studienfach beträchtlich. Darüber hinaus hat diese Zusammenarbeit die Leitungsstrukturen oder Organisationskultur auf beiden Seiten nur in begrenztem Ausmaß beeinflusst. Nur wenige Hochschulen verfügen über eine gesamtuniversitäre Strategie für die Zusammenarbeit mit Unternehmen, und diese wenigen Hochschulen konzentrieren sich auf einige wenige Mitgliedstaaten.“
4.13 Mit dieser Aussage wird eines der wesentlichen Probleme der Beziehungen zwischen Hochschulen und Unternehmen angesprochen, nämlich die Tatsache, dass viele klassische Hochschulen wenig oder gar keinen Versuch unternehmen, die Kultur, Werte und Beweggründe der Unternehmen zu verstehen, und stattdessen der Ansicht sind, dass nicht sie selbst, sondern die Unternehmen ihre Einstellung ändern müssten. Eine echte Zusammenarbeit setzt voraus, dass sich die Vertreter der Unternehmen der spezifischen Rolle der Hochschulen und ihrer unterschiedlichen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bewusst werden und sich vergegenwärtigen, dass die nützlichen Beiträge der Hochschulen für die Unternehmen vor allem indirekt geleistet werden. Solange dieses Problem nicht gelöst ist, haben Empfehlungen zur Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen nur wenig oder gar keinen Sinn.
4.14 Ein weiteres Problem, dass durch diese Aussage hervorgehoben wird, besteht in der Tatsache, dass diese Zusammenarbeit derzeit zwischen Hochschulen und großen, oftmals multinationalen Unternehmen stattfindet, die eine gesellschaftlich und wirtschaftlich starke Position haben. Dadurch stellt sich die Frage, welche Hoffnungen sich KMU und Kleinstunternehmen bezüglich der Beeinflussung von Hochschulen machen können, wenn schon große Unternehmen bisher einen recht geringen Einfluss hatten. Auf dieses Problem wird in Ziffer 3.3 angespielt: „Besondere Herausforderungen für KMU bei der Teilnahme an Partnerschaften mit Hochschulen müssen berücksichtigt werden“. Allerdings mangelt es an praktischen Vorschlägen in Bezug auf die Herausforderungen und möglichen Lösungen.
4.15 Das Dokument enthält keinerlei klare Definition dessen, was ein KMU ist. Der Begriff wird in der Mitteilung neunmal, in der Folgenabschätzung zehnmal und im Arbeitspapier 76-mal erwähnt. Allerdings gewinnt man den Eindruck, dass in den Dokumenten keine kleineren, sondern Unternehmen mit über 200 Mitarbeitern und einem Umsatz von über 10 Mio. EUR gemeint sind. Derzeit geht die Europäische Kommission von folgender Definition der KMU aus:
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Unternehmenskategorie |
Beschäftigte |
Jahresumsatz |
|
Jahresbilanzsumme |
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Mittleres Unternehmen |
<250 |
50 Mio. EUR |
oder |
43 Mio. EUR |
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Kleines Unternehmen |
<50 |
10 Mio. EUR |
oder |
10 Mio. EUR |
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Kleinstunternehmen |
<10 |
2 Mio. EUR |
oder |
2 Mio. EUR |
Diese Definition ist für Hochschulen und das Forum bei der Suche nach Partner-KMU nicht hilfreich, insbesondere wenn sie den Jahresumsatz als Kriterium wählen. Der EWSA ist der Auffassung, dass die Verwendung der derzeitigen Definition von KMU für die Wahl von Partnerunternehmen ein Hindernis darstellt. Wünschenswert wäre eine einfachere Definition der KMU, die die Wirklichkeit besser widerspiegelt.
4.16 Der Verweis auf die „Förderung des Unternehmergeistes“ im Rahmen des gesamten Bildungssystems muss eingehend analysiert und mit konkreten Beispielen ausgestaltet werden, da der EWSA befürchtet, dass das Forum nicht der geeignete Ort ist, um dieses äußerst weitreichende Thema zu behandeln. Die Notwendigkeit, dass Kinder ihre Kreativität und weitere Fähigkeiten entfalten, die sie in ihrem künftigen Berufsleben einsetzen können, und die Notwendigkeit, dass Erwachsene Unternehmergeist im Arbeitsleben beweisen (z.B. lebenslanges Lernen), sind zwei unterschiedliche Aspekte.
4.17 Auf Seiten der Unternehmen gibt es die Befürchtung, dass der Begriff „Unternehmergeist“ von der höheren Bildung vereinnahmt wird. Die Hochschulen müssen tatsächlich mit dabei sein, wenn es um die Förderung und Entwicklung einer unternehmerischen Einstellung geht; allerdings wurde dies in letzter Zeit dahingehend ausgeweitet, dass sie generell Menschen zu Unternehmern ausbilden wollen. Auf dem Weltwirtschaftsforum (Die nächste Welle von Unternehmern ausbilden, April 2009) war Folgendes zu hören: „Der Großteil dessen, was über Unternehmergeist gesagt wird, ist falsch. An Unternehmergeist ist nichts Magisches, Mysteriöses, und auch nichts, was mit Veranlagung zu tun hat. Es ist eine Fähigkeit, und wie jede andere Fähigkeit kann auch diese erlernt werden.“ Der EWSA ist der Ansicht, dass diese neue Sichtweise einiger Hochschulen große Schwächen aufweist. Hochschulen können lehren, wie Aufgaben eines Unternehmens wahrgenommen werden, etwa Buchhaltung, Marketing und Management. Dahingegen kann niemand - auch nicht Universitätsprofessoren - anderen Menschen beibringen, finanzielle und persönliche Risiken einzuschätzen und einzugehen, was nur allzu oft einer logischen Begründung entbehrt.
4.18 Der EWSA verweist auf seine Stellungnahme zum Thema „Partnerschaft zwischen Bildungseinrichtungen und Unternehmen“ (5), in der ebenfalls zahlreiche Empfehlungen zu dieser Thematik ausgesprochen werden.
5. Bemerkungen zum Arbeitspapier der Kommissionsdienststellen
5.1 Der EWSA vertritt die Ansicht, dass das in der Mitteilung (Ziffer 2) genannte Arbeitspapier dem in der Mitteilung Gesagten zu wenig hinzufügt. Es stiftet vielmehr Verwirrung durch kaum oder nicht nachweisbare Thesen, die die Schlussfolgerungen untermauern sollen.
5.2 Das Arbeitspapier wurde offensichtlich aus Sicht der Hochschulen verfasst und beschreibt, was sie tun können, um von einer Partnerschaft mit Unternehmen zu profitieren. Somit wird keine ausgewogene Sicht dessen angeboten, was das Forum tun sollte. Die Abgrenzung zwischen Hochschulen, Weiterbildungseinrichtungen und anderen Ausbildungseinrichtungen ist ebenfalls sehr vage und es wird nicht klar ersichtlich, ob vorgeschlagen wird, alle Hochschulen zu Weiterbildungseinrichtungen oder alle Weiterbildungseinrichtungen zu Hochschulen zu machen.
5.3 Der EWSA ist der Ansicht, dass das Arbeitspapier eine verpasste Chance ist, da es weder eine breitere unternehmensorientierte Sichtweise bietet noch auf die spezifischen Probleme der KMU eingeht.
Brüssel, den 17. Dezember 2009
Der Präsident des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses
Mario SEPI
(1) Siehe die Stellungnahmen des EWSA zum Thema „Universitäten für Europa“, Berichterstatter: Joost van IERSEL (ABl. C 128 vom 18.5.2010, S. 48) und zum Thema „Zusammenarbeit und Wissenstransfer zwischen Forschungsorganisationen, Industrie und KMU - eine wichtige Voraussetzung für Innovation“, Berichterstatter: Gerd WOLF (ABl. C 218 vom 11.9.2009).
(2) Europäische Wissenschaftsstiftung (European Science Foundation - ESF) 2008: Higher Education Looking Forward: An Agenda for Future Research von John Brennan, Jürgen Enders, Christine Musselin, Ulrich Teichler und Jussi Välimaa.
(3) Mitteilung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament vom 10.5.2006„Das Modernisierungsprogramm für Universitäten umsetzen: Bildung, Forschung und Innovation“ KOM(2006) 208 endg.
(4) Wilshire, Bruce (1990), The Moral Collapse of the University: Professionalism, Purity and Alienation, Albany, State University of New York Press; Readings, Bill 1996. The University in Ruins, Cambridge, Harvard University Press.
(5) EWSA-Stellungnahme, Berichterstatter: Henri MALOSSE (ABl. C 228 vom 22.9.2009, S. 9).
Anhang
zu der
stellungnahme
des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses
Folgender Änderungsantrag, auf den mehr als ein Viertel der abgegebenen Stimmen entfiel, wurde im Verlauf der Beratungen abgelehnt (Artikel 54 Absatz 3 der Geschäftsordnung):
Ziffer 1.2
Wortlaut wie folgt ändern:
„Im Mittelpunkt der Arbeit des Forums für den Dialog zwischen Hochschulen und Wirtschaft sollte die Zusammenarbeit und die Einflussnahme stehen , .“
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Abstimmungsergebnis |
Ja-Stimmen: 27 |
Nein-Stimmen: 49 |
Stimmenthaltungen: 7 |