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Document 52016IE1333

Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Für eine Berücksichtigung des Nudge-Konzepts in den politischen Maßnahmen der EU“ (Initiativstellungnahme)

OJ C 75, 10.3.2017, p. 28–32 (BG, ES, CS, DA, DE, ET, EL, EN, FR, HR, IT, LV, LT, HU, MT, NL, PL, PT, RO, SK, SL, FI, SV)

10.3.2017   

DE

Amtsblatt der Europäischen Union

C 75/28


Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Für eine Berücksichtigung des Nudge-Konzepts in den politischen Maßnahmen der EU“

(Initiativstellungnahme)

(2017/C 075/05)

Berichterstatter:

Thierry LIBAERT

Beschluss des Plenums

21.1.2016

Rechtsgrundlage

Artikel 29 Absatz 2 der Geschäftsordnung

 

Initiativstellungnahme

Zuständige Fachgruppe

Landwirtschaft, ländliche Entwicklung, Umwelt

Annahme in der Fachgruppe

24.11.2016

Verabschiedung auf der Plenartagung

15.12.2016

Plenartagung Nr.

521

Ergebnis der Abstimmung

(Ja-Stimmen/Nein-Stimmen/Enthaltungen)

162/3/3

1.   Schlussfolgerungen und Empfehlungen

1.1.

Das Nudge-Konzept (von englisch „nudge“ für Anstoß) kann als zusätzliches Instrument zu den Instrumenten der Politikgestaltung erachtet werden, die bereits von den staatlichen Stellen in der Europäischen Union angewandt werden: Information und Sensibilisierung, finanzielle Anreize, Gesetzgebung und Vorbildfunktion. Es scheint jedoch von besonderem Interesse zu sein, wenn es darum geht, bestimmten sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu begegnen.

1.2.

Der Einsatz des Nudge-Konzepts bei öffentlichen Maßnahmen in Ergänzung zu den bisherigen Instrumenten sowie insbesondere die neuartige Herangehensweise an individuelles Verhalten, die dieses Konzept auszeichnet, sollten gefördert werden. Das Nudge-Konzept könnte in allgemeine politische Maßnahmen integriert werden und eine schnellere Umsetzung zu geringeren Kosten ermöglichen. Dank seiner Flexibilität und Einfachheit kann es in unterschiedlichen Kontexten und von unterschiedlichen Kategorien von Akteuren (zwischenstaatlichen Organisationen, internen Stellen in Ministerien, Gebietskörperschaften, NGO, privaten Akteuren usw.) gleichzeitig angewandt werden.

1.3.

Besondere Aufmerksamkeit verdient der Einsatz des Nudge-Konzepts bei der Verwirklichung u. a. ökologischer und sozialer Ziele (Energiewende/ökologischer Wandel, Bekämpfung der Ressourcenverschwendung, soziale Wohlfahrt, Verbesserung des Gesundheitszustands der Bevölkerung usw.). So kann das Konzept etwa für Maßnahmen genutzt werden, die gemeinschaftlichen Zielvorgaben entsprechen, für welche sich die herkömmlichen politischen Instrumente jedoch als ineffizient und/oder zu kostspielig herausgestellt haben.

1.4.

Der Austausch von Informationen und bewährten Verfahren im Bereich der Nudge-Konzepte zwischen allen potenziell beteiligten Akteuren (Behörden, Gemeinschaften, Unternehmen, Verbände, NGO usw.) auf europäischer Ebene sollte gefördert werden. Eine Plattform zur Erfassung der Initiativen und/oder eine spezielle Beobachtungsstelle könnten in Betracht gezogen werden.

1.5.

Eine nähere Erforschung der unterschiedlichen Auswirkungen des Nudge-Konzepts je nach Kultur, sozioökonomischem Profil, Region usw. würde ein besseres Verständnis der Vorteile und Grenzen der Verbreitung und Übertragbarkeit des Konzepts von Land zu Land bzw. von Branche zu Branche usw. ermöglichen, wobei insbesondere der Frage nachgegangen werden sollte, ob Verhaltensweisen durch solche Anstöße nachhaltig verändern können.

1.6.

Es sollten allgemeingültige Bedingungen für die Nutzung von Nudge-Konzepten ermittelt werden, um ihre negativen Auswirkungen einzudämmen und ihre ethische Akzeptanz sicherzustellen. Diese Bedingungen könnten in einer Charta bewährter Verfahren zusammengefasst werden, die unter Mitwirkung der unterschiedlichen Interessenträger erstellt und auf europäischer Ebene angenommen würde und in der Folge von den Mitgliedstaaten umzusetzen wäre. Des Weiteren könnten Leitlinien veröffentlicht und an die betreffenden Akteure verteilt werden.

1.7.

Vorgesehen werden sollten auch Informationsverfahren über den Einsatz unterschiedlicher Arten von Nudge-Konzepten, um Transparenz für die Zielgruppe zu gewährleisten, auf die das jeweilige Konzept ausgerichtet ist. Um umfassende Akzeptanz zu finden, müssen Nudge-Konzepte verstanden, diskutiert und geteilt werden. So könnte bei ihrem Einsatz Missbrauch und Manipulationsrisiken vermieden werden.

1.8.

Es gilt, einen konkreten Verhaltenskodex für Nudge-Konzepte festzulegen, um sicherzustellen, dass diese nicht für unverantwortliche Ziele missbraucht werden. Bei der Umsetzung eines Nudge-Konzepts müssen vier Voraussetzungen erfüllt werden: Transparenz des Prozesses, Flexibilität für die Beteiligten, die immer Entscheidungsfreiheit haben müssen, Bereitstellung zuverlässiger Informationen sowie Vermeidung von Schuldzuweisungen an Einzelne.

1.9.

Es sollten Begleit- und Bewertungsmechanismen für Nudge-Konzepte geschaffen werden, die sich an unterschiedlichen Kriterien (Soziales, Umwelt, Wirtschaft) orientieren. Dazu kann eine erste Testphase erforderlich sein, in der die genauen Auswirkungen des Nudge-Konzepts in Abhängigkeit von der Art des Anstoßes, der Zielgruppe, des Kontexts usw. bewertet werden. So können zudem im Falle enttäuschender Ergebnisse rasch Anpassungen vorgenommen bzw. kann vom Nudge-Konzept abgegangen werden, wenn es als unwirksam bewertet wird.

1.10.

In die Curricula der allgemeinen und der beruflichen Bildung sollten verstärkt Lehrinhalte aus dem Bereich der Verhaltensökonomie aufgenommen werden. Dadurch könnten die Kenntnisse hinsichtlich dieses Instruments verbessert sowie seine vernünftige und differenzierte Nutzung durch mehrere Zielgruppen (Beamte des öffentlichen Dienstes, Angestellte von Unternehmen, Mandatsträger usw.) begünstigt werden. Dies setzt zudem eine Öffnung der akademischen Disziplinen voraus, denn das Nudge-Konzept beruht auf einem bereichsübergreifenden Ansatz.

1.11.

Beim Einsatz des Nudge-Konzepts sollte eine bestimmte Flexibilität gewahrt werden, um dessen Potenzial bestmöglich auszuschöpfen. Klar ist, dass Nudge-Konzepte genauso wie die anderen Instrumente, die den öffentlichen Stellen zur Verfügung stehen, weder Wundermittel noch komplett neu sind, aber eine perfekte Ergänzung und sehr nützlich sein können, um bestimmte Verhaltensweisen zu ändern. Primär liegt der Nutzen darin, bei der Politikgestaltung auch die psychologische Dimension von Verhaltensweisen zu berücksichtigen und nicht nur deren „ökonomische Rationalität“.

1.12.

Auf Initiative des EWSA sollte die erste europäische Konferenz zu Nudge-Konzepten organisiert werden, die eine einzigartige Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch zwischen den relevanten Akteuren in der Europäischen Union bieten würde.

1.13.

Zur Bewältigung der grundlegenden Umstellung auf ein neues Wirtschaftsmodell mit erheblichen systemischen Auswirkungen in vielen Bereichen sollte ein neues bereichsübergreifendes ständiges Gremium im EWSA eingerichtet werden, um diese Entwicklungen einschließlich des Nudge-Konzepts und anderer damit zusammenhängender Themen wie Kreislaufwirtschaft, Wirtschaft des Teilens und Functional Economy zu analysieren.

2.   Ein fünftes Instrument für öffentliche Stellen

2.1.

Um die Verhaltensweisen von Personen zu ändern, stehen öffentlichen Stellen traditionell vier unterschiedliche Instrumente zur Verfügung: Information und Sensibilisierung, finanzielle Anreize, Gesetzgebung (Verbot oder Auflage) und Vorbildfunktion. Es hat sich jedoch gezeigt, dass diese vier Instrumente von begrenzter Wirkung sind, insbesondere wenn es um verantwortungsbewusstes Verhalten und verantwortungsvollen Konsum geht, bei dem weniger natürliche Ressourcen verbraucht werden. In der Tat bleibt häufig eine Diskrepanz zwischen dem Bewusstsein der einzelnen Personen und ihrem alltäglichen Verhalten bestehen.

2.2.

Die Gründe für diese Kluft zwischen Absicht und Handeln wurden in der Verhaltensökonomie und -forschung untersucht, eine Fachrichtung, die auf das Verständnis von Einflussfaktoren auf das Verhalten Einzelner spezialisiert ist. Laut den Forschern dieser Fachrichtung werden die Handlungen der Individuen von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Wir sind komplexe Wesen mit begrenzter Rationalität, reagieren größtenteils emotional und werden von anderen Menschen und sozialen Interaktionen beeinflusst, doch auch durch den Kontext und das Umfeld, in dem wir Entscheidungen treffen.

2.3.

Im Grunde genommen basieren unsere Entscheidungen und Verhaltensweisen hauptsächlich auf dem, was Daniel KAHNEMAN, Nobelpreisträger für Wirtschaft, unser „System 1“ nennt: ein größtenteils unbewusster, automatischer, extrem schneller Reflexionsmodus, der es uns ermöglicht, zahlreiche tägliche Entscheidungen unter Minimierung unserer Anstrengungen und mit sparsamem Einsatz unserer Aufmerksamkeitsressourcen zu treffen, der jedoch von Stereotypen und Assoziationen gespeist wird und sich häufig von einer strengen Rationalität entfernt.

3.   Verhaltensweisen berücksichtigen, um Entscheidungen zu lenken

3.1.

In der Verhaltensökonomie (Behavioral Economics) wird davon ausgegangen, dass sich die traditionellen politischen Instrumente als unzureichend herausstellen können, wenn es darum geht, Verhaltensweisen zu verändern, da dabei die unterschiedlichen Dimensionen, die zur Entscheidungsfindung beitragen können, außer Acht gelassen werden. Ausgehend von dieser Feststellung haben zwei amerikanische Professoren, Richard THALER (Wirtschaftsprofessor in Chicago und Vorreiter auf dem Gebiet der Verhaltensökonomie) und Cass SUNSTEIN (Juraprofessor an der Universität Harvard) 2008 das erste Werk zum Nudge-Konzept (1) veröffentlicht. Es beruht auf der Annahme, dass Verhaltensänderungen durch „sanfte Anstöße“ herbeigeführt werden müssen. Die Autoren definieren einen Anstoß (englisch „nudge“) als einen Aspekt des Entscheidungssystems, der auf vorhersehbare Weise das Verhalten von Personen ändert, ohne irgendeine Wahlmöglichkeit zu verbieten oder finanzielle Anreize maßgeblich zu verändern. Um als einfacher Anstoß zu gelten, muss sich die Handlung leicht vermeiden lassen, da Nudge-Konzepte keinerlei Zwangscharakter haben.

3.2.

Das Nudge-Konzept zielt auf die Gestaltung von „Entscheidungssystemen“ ab, im Rahmen derer die Entscheidung als Nutzen für den Einzelnen und/oder die Gemeinschaft hervorgehoben wird, ohne die Menge oder die Art der verfügbaren Auswahlmöglichkeiten zu verändern. Es geht darum, den Verbraucher oder den Anwender zu einer Entscheidung zu motivieren, die als besser erachtet wird. Das Nudge-Konzept zeichnet sich durch drei Merkmale aus: Es lässt dem Einzelnen völlige Entscheidungsfreiheit, ist einfach in der Umsetzung und verursacht nur geringe Interventionskosten.

3.3.

In bestimmten Ländern zeigen die Behörden immer mehr Interesse an Nudge-Konzepten, da diese zwei wesentliche Vorteile bieten: Sie schränken die persönlichen Freiheiten nicht ein und erfordern einen begrenzten Kostenaufwand, obwohl sich mit ihnen eine ehebliche Wirkung erzielen lässt. Sie können somit als ergänzendes Instrument im Rahmen politischer Maßnahmen eingesetzt werden, mit dem Ziel, dass Einzelentscheidungen getroffen werden, die „verantwortungsvoller“ für die Gesundheit, die Umwelt usw. sind. Dem Einzelnen wiederum erleichtert der Anstoß die Wahl und Entscheidungsfindung.

4.   Nudge — ein Konzept, verschiedene Instrumente

4.1.

Die Standardentscheidung. Es geht darum, eine automatische Standardlösung anzubieten, die die umsetzende Behörde nicht nur für die wünschenswerteste, sondern auch für die am einfachsten anwendbare Lösung hält. Sie basiert auf dem Beharrungsvermögen des Einzelnen. Dieses Instrument wird beispielsweise seit 2005 bei der Einkommensteuererklärung in Frankreich angewandt, wo seit 2005 standardmäßig davon ausgegangen wird, dass in jedem Haushalt ein Fernseher vorhanden ist. Dadurch konnte die auf 6 % geschätzte Betrugsquote auf 1 % gesenkt werden. Standardentscheidungen werden außerdem zunehmend von Banken, Energieversorgern und weiteren Unternehmen eingesetzt, die elektronische Rechnungen statt Rechnungen auf Papier anbieten, standardmäßig beidseitig bedruckte Schriftstücke usw.

4.2.

Die Macht sozialer Normen wird von den Befürwortern des Nudge-Konzepts als einflussreicher Entscheidungsfaktor für Verhaltensweisen erachtet. Sie kann somit genutzt werden, um Einzelpersonen anzuleiten, auf eine gewisse Art und Weise zu handeln. Dabei geht es insbesondere darum, das Verhalten eines Großteils von Einzelpersonen aus dem unmittelbaren Umfeld (Nachbarn, Kollegen usw.) hervorzuheben. Diese Botschaft soll für die Einzelpersonen einen Anreiz schaffen, sich auf dieselbe Art und Weise zu verhalten, um der sozialen Norm zu entsprechen. 2011 wurde von dem Energieversorger OPOWER in den USA ein Versuch durchgeführt. Auf Grundlage von Informationen über den Stromverbrauch von 600 000 Haushalten wurden diesen Schreiben zugesandt, in denen beispielsweise Folgendes zu lesen war: „Vergangenen Monat haben Sie 15 % mehr Strom verbraucht als Ihre sparsamsten Nachbarn.“ Anhand von Grafiken konnte der Energieverbrauch des eigenen Haushalts mit dem der Nachbarn und anderer Verbraucher verglichen werden, verziert mit einem lächelnden „Smiley“, wenn der Energieverbrauch gesenkt wurde. Nach dem Versand dieser Schreiben war bei den teilnehmenden Haushalten eine durchschnittliche Abnahme des Stromverbrauchs um 2 % zu verzeichnen, wodurch laut OPOWER (2) insgesamt 250 Mio. USD eingespart wurden. In zahlreichen ähnlichen Versuchen wurden Ergebnisse mit Energieeinsparungen von 1 % bis 20 % erzielt.

4.3.

Mit dem Verlustrisiko soll der Verlust (insbesondere finanzieller Art) hervorgehoben werden, den die Einzelperson riskiert, wenn sie ihr Verhalten nicht ändert, beispielsweise was den Energieverbrauch anbetrifft. Es geht zum Beispiel darum, ihr den Betrag zu nennen, den sie verliert, wenn sie ihr Verhalten nicht ändert, oder andersherum, ihr den Betrag zu nennen, den sie gewinnt, wenn sie es tut. Der Verlust kann auch mithilfe nicht finanzieller Indikatoren (Kalorien, CO2-Emissionen usw.) dargestellt werden.

4.4.

Eine Möglichkeit besteht beispielsweise darin, Wettbewerbe zu organisieren, um bestimmte Praktiken, wie den Kampf gegen die Ressourcenverschwendung, zu fördern. Mit diesem Instrument versucht die französische NGO Prioriterre die Gesellschaft für einen sparsamen Energieverbrauch zu sensibilisieren. Zu diesem Zweck organisiert sie jedes Jahr den Wettbewerb „Familles à énergie positive“ (Familien mit positiver Energie), an dem 2014 rund 7 500 Familien teilgenommen haben, die ihren Energieverbrauch um 8 % senken mussten, um verschiedene Preise gewinnen zu können (3).

4.5.

Auch Spiele und spielerische Darstellungen können genutzt werden. Einer der bekanntesten Anstöße wurde am Amsterdamer Flughafen eingesetzt: Ins Innere der Pissoirs wurden Fliegen gemalt, um die Herren dazu anzuhalten, richtig zu zielen. Im Jahr 2009 hat Volkswagen in Stockholm die Treppe, die von der unterirdischen U-Bahn-Station Odenplan nach oben führt, in eine riesige Klaviertastatur verwandelt. Bei jedem Tritt auf eine Stufe ertönte ein Ton (4). Das Ziel dabei war, die Menschen dazu anzuhalten, eher die Treppe zu benutzen als die Rolltreppe. In Südkorea werden Personen, die Rolltreppen benutzen, mit entsprechenden Bodenmarkierungen auf ihr Risiko hingewiesen, übergewichtig zu werden.

4.6.

Nudge-Konzepte können ebenfalls darauf gerichtet sein, die Darstellung der Wahlmöglichkeiten oder das Erscheinungsbild bestimmter Produkte zu verändern, um diejenigen hervorzuheben, die als gesünder, umweltfreundlicher usw. erachtet werden. Solche Nudge-Konzepte kommen fallweise der Vergabe eines Gütesiegels nahe. In Kantinen wurden bereits mehrere Versuche durchgeführt, um die Gäste dazu anzuhalten, gesundes Essen zu verzehren. Dafür wurden die gesunden Mahlzeiten an den Anfang des Tresens platziert, was in bestimmten Fällen dazu führte, dass sie doppelt so häufig verzehrt wurden, wie wenn sie in der Mitte oder am Ende der Theke angeboten werden. Andere Kantinen haben versucht, die Verschwendung von Lebensmitteln einzugrenzen, indem sie die Tellergröße reduzierten: Die Teller werden nach wie vor gefüllt, doch die Portionsgröße sinkt (wobei sich die Gäste immer nachnehmen können, wenn sie dies wünschen) (5).

5.   Ein Instrument, das zunehmend von öffentlichen Stellen eingesetzt wird

5.1.

Seit 2008 interessieren sich immer mehr Länder für das Potenzial von Nudge-Konzepten für die Politikgestaltung, weil diese drei wesentliche Vorteile bieten: größere Akzeptanz der Öffentlichkeit im Vergleich zu Normen und Steuern, geringere Kosten und höhere Effizienz. Im Folgenden sind einige Beispiele hierfür angeführt.

5.2.

2010 wurde in Großbritannien unter der Regierung von David CAMERON das „Behavioural Insights Team“ (Gruppe für verhaltensökonomische Erkenntnisse) unter dem Vorsitz von David HALPERN ins Leben gerufen und damit beauftragt, die Verhaltenswissenschaften in politischen Maßnahmen des Landes anzuwenden. Die Gruppe hat beispielsweise das Internetportal der Regierung dahin gehend verändert, dass man sich darauf als Organspender registrieren lassen kann. Unter dem Logo des National Health Service, des britischen Gesundheitsdienstes, ist dort zu lesen: „Jeden Tag beschließen Tausende Besucher dieser Seite, sich registrieren zu lassen.“ Innerhalb von einem Jahr stieg die Teilnahmequote an dem Programm von 2,3 % auf 3,2 % (+96 000 Registrierungen). Seit 2014 arbeitet das zuständige Referat („Nudge Unit“) autonom und berät ausländische Regierungen, lokale Gebietskörperschaften, Unternehmen usw (6).

5.3.

Auch die US-Regierung von Präsident Obama bildete 2014 ein solches Team („Nudge Squad“) unter der Leitung von Maya SHANKAR. In einem Dekret, das im September 2015 veröffentlicht wurde, „ermutigt“ Präsident Obama die Regierungsabteilungen und -stellen, die Verhaltenswissenschaft (behavioral science) zu nutzen (7). Auch die Regierungen Singapurs, Australiens und Deutschlands haben Expertengruppen für Verhaltensökonomie eingerichtet.

5.4.

In Frankreich führen das Generalsekretariat für die Modernisierung des staatlichen Handelns (SGMAP) und die Generaldirektion für öffentliche Finanzen (DGFIP) (8) seit 2013 vermehrt Experimente im Zusammenhang mit dem Nudge-Konzept durch.

5.5.

Die Europäische Kommission hat innerhalb der Gemeinsamen Forschungsstelle das Referat Vorausplanung und Beitrag der Verhaltenswissenschaft unter der Leitung von Xavier TROUSSARD eingerichtet. Das Referat hat 2016 einen Bericht veröffentlicht, in dem hervorgehoben wird, dass die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie in der Politikgestaltung der Europäischen Union zunehmend genutzt werden (9). In dem Bericht wird die Ansicht vertreten, dass die Entwicklung eines Austausches zwischen Politikern und Vertretern von Universitäten bezüglich dieser Thematik wünschenswert wäre. Außerdem wird darin der verstärkte Einsatz von Instrumenten der Verhaltensökonomie in allen Phasen der Politikgestaltung empfohlen, wobei gleichzeitig die Kommunikation über ihre Nutzung und das Wissen über ihre Auswirkungen verbessert werden sollten.

6.   Risiken und Einschränkungen, die nicht außer Acht zu lassen sind

6.1.

Das Nudge-Konzept hat Grenzen. Es erfordert eine rigorose Ausgestaltung und Umsetzung und wirft sowohl technische als auch ethische Fragen auf. Es kann weder die notwendige Informierung der Bürgerinnen und Bürger und die pädagogischen Maßnahmen, die ihre Entscheidungsfindung erleichtern sollen, noch die klassischen Maßnahmen der Behörden, nämlich Gesetze und wirtschaftliche Anreize, ersetzen. Darüber hinaus dürfen die Risiken und Beschränkungen des Einsatzes nicht unterschätzt werden:

6.2.

Zurzeit sind nur wenige Studien zur Wirksamkeit des Nudge-Konzepts verfügbar, insbesondere zu den mittel- und langfristigen Auswirkungen. In mehreren Studien werden die unterschiedlichen Reaktionen der Individuen auf die Anwendung dieses Instruments betont. So neigten in der von OPOWER durchgeführten Studie diejenigen Haushalte, deren Energieverbrauch bereits unterhalb des Durchschnitts lag, dazu, ihren Energieverbrauch zu erhöhen, nachdem sie von ihrem unterdurchschnittlichen Verbrauch erfahren hatten. Im Gegensatz dazu können bei Bürgern, die erfahren, dass sie weitaus mehr Strom verbrauchen als ihre Nachbarn, durch das Nudge-Konzept Schuld- oder Minderwertigkeitsgefühle ausgelöst werden. Einigen Studien zufolge kann die Empfänglichkeit von Einzelpersonen für die Anstöße im Rahmen von Nudge-Konzepten auch entsprechend ihren Wertvorstellungen und Ansichten variieren (10), aber auch in Abhängigkeit vom politischen und kulturellen Umfeld. Allgemein wird in den durchgeführten Studien darauf hingewiesen, dass sich die Nudge-Konzepte je nach Zielgruppe, Kultur, Hintergrund unterschiedlich auswirken. Es ist daher notwendig, die Auswirkungen von Nudge-Konzepten direkt bzw. punktuell zu bewerten.

6.3.

Es stellt sich zudem die Frage, wie dauerhaft die Wirkungen von Nudge-Konzepten sind. Im Bereich des Wasser- und Stromverbrauchs haben Studien gezeigt, dass der Wiederholungseffekt sozialer Normen mit der Zeit tendenziell abnimmt, auch wenn er abgeschwächt über mehrere Jahre hinweg erhalten bleibt (11). Die langfristige Wirkung der Anstöße hängt davon ab, ob Gewohnheiten tief greifend verändert werden konnten. Sobald eine Standardoption verändert wurde und diese Veränderung beibehalten wird, gibt es keinen Grund, anzunehmen, dass die Verhaltensänderung nicht fortdauern wird. Die Problematik bezieht sich hier eher auf die Möglichkeit, noch weiter zu gehen oder das Verhalten zu modulieren. Es erscheint nämlich leichter, eine Steuer oder eine Norm schrittweise anzupassen als eine Standardoption.

6.4.

Nudge-Konzepte können sich negativ auswirken, indem eine Person, die sich unkorrekt verhalten hat, anschließend dazu neigt, sich korrekt zu verhalten und umgekehrt. In Versuchen wurde zum Beispiel gezeigt, dass nach dem Kauf „grüner“ Verbrauchsgüter unter bestimmten Umständen negatives Verhalten, wie Betrug oder Diebstahl, zunehmen kann (12). Bemühungen zur Förderung tugendhaften Verhaltens in bestimmten Bereichen können somit negative Auswirkungen in anderen Bereichen haben. Sollten sich diese gegenteiligen Wirkungen bestätigen, ist eine Gesamtbewertung der Wirkung von Nudge-Konzepten sehr schwierig. Höchstwahrscheinlich kommen diese nur sehr selten vor und stellen den Nutzen von Nudge-Konzepten nicht infrage. Die Möglichkeit solcher Auswirkungen darf jedoch nicht ausgeschlossen werden.

6.5.

Die Wirksamkeit von Nudge-Konzepten wird in Bezug auf ein wünschenswertes Verhalten ermittelt, und damit stellt sich die Frage nach der Definition und der Messung dessen, was wünschenswert ist. Es kann in der Tat sehr schwierig sein, von den Bürgerinnen und Bürgern zu erfahren, wie diese ihr eigenes Wohlergehen einschätzen. Beim Nudge-Konzept stellt sich zudem die Frage, wer über das verfolgte Ziel entscheidet, das heißt, darüber, was für den Einzelnen und/oder für die Gesellschaft wünschenswert ist. Handelt es sich um einen öffentlichen Entscheidungsträger, kann dieser das Ziel sowie den Anstoß selbst auf opportunistische Art und Weise ausrichten, auch unabsichtlich, beispielsweise aufgrund mangelnder Informationen.

6.6.

Letztendlich ist die Grenze zwischen Information, Kommunikation und Manipulation zum Teil schwer zu ziehen. So ermuntern zahlreiche Hotels ihre Gäste dazu, die Handtücher mehrmals zu verwenden, und einige geben dafür gezielt zu hoch gegriffene Zahlen von Gästen an, die dies bereits tun (13). Dies geschieht nicht in Täuschungsabsicht, sondern stellt eine Art selbsterfüllende Prophezeiung dar, die dafür sorgt, dass sie wahr wird. Die Gäste werden somit jedoch dazu angehalten, ihr Verhalten ausgehend von einer Lüge zu ändern. Der Einsatz einer Lüge, auch wenn sie zu tugendhafterem Verhalten führt, erscheint moralisch nicht akzeptabel; dies gilt umso mehr, wenn sie von einem öffentlichen Entscheidungsträger stammt. Der Ruf dieses Entscheidungsträgers könnte dadurch beschädigt werden und auf Dauer die Wirksamkeit des Nudge-Konzepts verringern, wenn Verbraucher wie Kinder behandelt werden.

Brüssel, den 15. Dezember 2016

Der Präsident des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses

Georges DASSIS


(1)  Thaler Richard, Sunstein Cass, Nudge: Improving Decisions about Health, Wealth, and Happiness, Yale University Press, 2008.

(2)  Opower.com.

(3)  http://www.prioriterre.org/ong/particuliers/a2210/une-nouvelle-edition-familles-a-energie-positive.html.

(4)  https://www.youtube.com/watch?v=2lXh2n0aPyw.

(5)  Liebig Georg, Nudging to Reduce Food Waste“, URL: http://www.wiwi-experimente.tu-berlin.de/fileadmin/fg210/nudging_to_reduce_food_waste_Georg_Liebig.pdf.

(6)  Internetseite des Referats: http://www.behaviouralinsights.co.uk/.

(7)  Executive Order — Using Behavorial Science Insights to Better Serve the American People, Executive Order, 15. September 2015. URL: https://www.whitehouse.gov/the-press-office/2015/09/15/executive-order-using-behavioral-science-insights-better-serve-american.

(8)  Siehe beispielsweise Le nudge: un nouvel outil au service de l’action publique (Das Nudge-Konzept: ein neues Instrument staatlichen Handelns), 13. März 2014. URL: http://www.modernisation.gouv.fr/les-services-publics-se-simplifient-et-innovent/par-des-services-numeriques-aux-usagers/le-nudge-au-service-de-laction-publique.

(9)  http://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/bitstream/JRC100146/kjna27726enn_new.pdf.

(10)  Costa Dora L., Kahn Matthey E., Energy conservation „nudges“ and environmentalist ideology: Evidence from a randomized residential electricity field experiment, Journal of European Economic Association, 2013.

(11)  Ferraro Paul J., Miranda Juan Jose, Price Michael K., The persistence of treatment effects with norm-based policy, American Economic Review, Bd. 101, Nr. 3, Mai 2011.

(12)  Mazar Nina, Zhong Chen-Bo, Do green products make us better people?, Psychological Science, 2010.

(13)  Simon Stephanie, The Secret to Turning Consumers Green, The Wall Street Journal, 18. Oktober 2010. URL: http://www.wsj.com/articles/SB10001424052748704575304575296243891721972.


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