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Document 52008IE1216

Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema Ursachen für den Unterschied zwischen gefühlter und realer Inflation

OJ C 27, 3.2.2009, p. 129–139 (BG, ES, CS, DA, DE, ET, EL, EN, FR, IT, LV, LT, HU, MT, NL, PL, PT, RO, SK, SL, FI, SV)

3.2.2009   

DE

Amtsblatt der Europäischen Union

C 27/129


Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Ursachen für den Unterschied zwischen gefühlter und realer Inflation“

(2009/C 27/27)

Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss beschloss am 17. Januar 2008 gemäß Artikel 29 Absatz 2 seiner Geschäftsordnung, eine Initiativstellungnahme zu folgendem Thema zu erarbeiten:

„Ursachen für den Unterschied zwischen gefühlter und realer Inflation“.

Die mit den Vorarbeiten beauftragte Fachgruppe Wirtschafts- und Währungsunion, wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhalt nahm ihre Stellungnahme am 3. Juni 2008 an. Berichterstatter war Herr DERRUINE.

Der Ausschuss verabschiedete auf seiner 446. Plenartagung am 9./10. Juli 2008 (Sitzung vom 9. Juli) mit 125 Stimmen bei 2 Stimmenthaltungen folgende Stellungnahme:

1.   Empfehlungen

1.1

Wie der Ausschuss bereits in einer früheren Stellungnahme empfohlen hat, müssten die „Statistiken über die Löhne und Gehälter (oder sogar über die Einkommen) […] mindestens in Quintilen angelegt werden, um die Auswirkungen der Lohnpolitik auf die Preisstabilität besser bewerten zu können“ (1). In Ziffer 4.3.3 werden die Unterschiede in den Verbrauchsprofilen je nach Einkommensniveau aufgezeigt. Hinzu kommt, dass auch die marginale Konsumneigung variiert, so dass es wichtig ist, ermitteln zu können, welche Einkommensgruppe von welcher Gehaltserhöhung (in %) profitiert. Ansonsten könnte die Geldpolitik unangemessen auf Gehaltserhöhungen und Einkommenssteigerungen reagieren.

1.1.1

Es wäre sinnvoll, wenn die Europäische Kommission und/oder Europäische Zentralbank ergänzend und nach dem Vorbild der belgischen Nationalbank (2), mindestens einmal jährlich Daten über die Auswirkungen der Inflation auf die Kaufkraft der privaten Haushalte in Abhängigkeit von deren Einkommen veröffentlichen würde.

1.1.2

In Bezug auf die europäischen Inseln ist zu sagen, dass alle Inselgebiete über lokale Statistiken und Preisindizes verfügen sollten, um die durch ihre Insellage bedingten Mehrkosten objektiv messen zu können. Im Hinblick auf dieses Ziel sollten sich die statistischen Dienste dieser Inselgebiete auf gemeinsame Bewertungsmethoden einigen.

1.2

Ebenso sollten die Mitgliedstaaten und Eurostat aufgefordert werden, die von ihnen durchgeführten Preiserhebungen besser zu verwerten, um so detaillierte Indizes zu erstellen, bei denen die Preisentwicklung nach Kategorie der Vertriebssysteme und nach Produktkategorie (unteres, mittleres und oberes Marktsegment) differenziert dargestellt wird. Es steht nämlich zu befürchten, dass die Preise für Produkte des unteren Marktsegments — insbesondere Lebensmittel — noch stärker gestiegen sind. Zudem könnte ein internationaler Vergleich der Preisdaten, welche die einzelnen für die Inflationsberechnung zuständigen Institute erhoben haben, helfen, Antworten auf die in Ziffer 1.4 gestellten Fragen zu finden. Der EWSA wirft zudem die Frage auf, ob nicht ein Preisindex für ältere Menschen erstellt werden sollte.

1.3

Der Ausschuss hofft, dass die derzeit unter Federführung von Eurostat angestellten Überlegungen, strikte Verfahren für die Einbeziehung der Wohnraumkosten in die Inflationsberechnung zu entwickeln, bald erfolgreich abgeschlossen werden können und in operative Vorschläge münden, die dann den betroffenen sozialen und wirtschaftlichen Akteuren vorgelegt werden sollten. Allgemein würde es der Ausschuss begrüßen, in die von Eurostat vorgenommenen methodologischen Überprüfungen des harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) einbezogen zu werden.

1.4

Die Europäische Kommission sollte die gleichzeitige Entwicklung der Indizes für die Verbraucher-, Herstellungs- und Einfuhrpreise untersuchen, denn es ist verwunderlich, dass der Einfuhrpreis bestimmter Indikatoren stark gesunken ist, die Endverbraucher dies jedoch nicht spüren. Es wäre inakzeptabel, wenn sie sich aus Mangel an wesentlichen Informationen zu hohe Preise berechnen lassen würden. Dies würde nur auf die einheitliche Währung zurückfallen, die völlig unverschuldet in Misskredit geriete.

1.5

Der Ausschuss ist sich wohl der Schwierigkeiten bewusst, auf die Eurostat bei der Datenerfassung stößt, wirft allerdings die Frage auf, ob die Angaben zu den Konsumausgaben der privaten Haushalte nicht schneller veröffentlicht werden könnten. Derzeit erfolgt das erst drei Jahre im Nachhinein (die Daten für 2005 wurden also erst 2008 (!) veröffentlicht). Bestimmte Daten (insbesondere zur Einkommensverteilung) wurden sogar seit 2001 nicht mehr aktualisiert. Zudem sollte angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung überlegt werden, ob der Zeitabstand zwischen den Umfragen (bislang alle sechs Jahre) nicht verkürzt werden sollte.

1.6

Abschließend empfiehlt der EWSA die Unterstützung öffentlicher Einrichtungen und regierungsunabhängiger Organisationen, die die Verbraucher informieren und aufklären und ihnen bei Kaufentscheidungen, die wegen immer ausgeklügelterer Marketingtechniken und Angebote immer schwerer fallen, helfen.

2.   Einleitung

2.1

Die gemeinsame Währung steht seit ihrer Einführung (1999 Festlegung der Wechselkurse, 2001 Ausgabe von Euro-Münzen und -Banknoten in den ursprünglichen WWU-Mitgliedstaaten) in jeglicher Hinsicht in der Kritik: Erntete der Euro anfänglich Hohn dafür, dass er gegenüber den anderen Währungen von internationaler Bedeutung an Wert verlor, so löst der in den letzten drei Jahren verzeichnete Anstieg des Eurokurses Besorgnis im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen auf den Exportmärkten aus. Bestimmte Regierungen haben diese Besorgnis sogar geschürt, um von ihren eigenen wirtschaftspolitischen Fehlern abzulenken. Einige — wenn auch wenige — haben sogar die fehlende wirtschaftliche Konvergenz in der Eurozone zumindest teilweise auf die gemeinsame Währung zurückgeführt, und sehen sich deshalb veranlasst, einen Ausstieg aus der WWU in Erwägung zu ziehen.

2.2

Den Statistiken über den harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) zufolge ist die Inflation im Zuge der dritten Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion erheblich zurückgegangen und hat sich seither auf einem historischen Tiefststand eingependelt, wahrscheinlich weil der einfachere Preisvergleich den Wettbewerb belebt und Preissteigerungen begrenzt hat. Allerdings ist die große Mehrheit der Europäer der Auffassung, dass der Euro für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in ihrem Land verantwortlich ist und einen Inflationsdruck ausgelöst hat, der ihre Kaufkraft schmälert. Manche sprechen sich sogar für eine Rückkehr zur doppelten Preisauszeichnung aus, was für die Befürworter der europäischen Integration einen verheerenden Rückschlag bedeuten würde. So ist ein Misstrauen gegenüber dem Euro, ja gegenüber der gesamten Wirtschafts- und Währungsunion entstanden. Im September 2002 bezeichneten 59 % der befragten EU-Bürgerinnen und -Bürger die gemeinsame Währung als „insgesamt vorteilhaft“, während sich 29 % skeptisch äußerten (Eurobarometer-Umfrage 2006). Vier Jahre später ist der Enthusiasmus für eines der wichtigsten europäischen Projekte der letzten 20 Jahre deutlich geschwunden. 81,4 % der EU-Bürgerinnen und -Bürger geben nun an, der Euro habe zu Preissteigerungen geführt.

2.3

Bis zur Einführung des Euro entsprach die Entwicklung der von den Verbrauchern gefühlten Inflation in etwa dem HVPI. Seit 2002 war dies nicht mehr der Fall, und 2003 war die Differenz am größten, bevor sie sich erst wieder etwas verringerte und dann ab 2006 erneut größer wurde. Seit Ende 2004 hat sich die gefühlte Inflation auf einem höheren Niveau als 2001 stabilisiert.

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2.4

In den meisten der 2004 beigetretenen Mitgliedstaaten stieg die reale Inflation bei Aufnahme in die EU und sogar schon davor im Jahr 2003, was auf die Erhöhung der indirekten Steuern und der staatlich festgesetzten Preise — insbesondere für Agrarprodukte — zurückzuführen war. In einer Reihe von Ländern ist sie danach wieder gefallen. Die gefühlte Inflation ist jedoch schneller gestiegen. Lediglich in Tschechien ist die gefühlte Inflation laut Daten von Anfang 2008 geringer als die reale Inflation.

2.5

Betrachtet man den Fall Sloweniens, das als erstes dieser Länder die gemeinsame Währung eingeführt hat, stellt man ebenfalls fest, dass die gefühlte Inflation im Jahr 2007 im Zuge der Euro-Bargeldeinführung in die Höhe geschnellt ist und dass dieser Sprung nach oben durch die vorweggenommenen Preissteigerungen in den zwei Jahren vor der Euro-Einführung vorbereitet wurde.

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2.6

Die hier beschriebenen Zweifel der Bevölkerung am Euro stehen in deutlichem Kontrast zu der Einschätzung der Regierungen — auch jener von Nicht-EU-Staaten: Laut IWF ist der Euro-Anteil an den internationalen Währungsreserven von ca. 18 % im Jahr 1999 auf etwa 25 % im Jahr 2004 gestiegen, wobei in den Schwellenländern ein noch stärkerer Anstieg zu verzeichnen ist. Auch die Tatsache, dass 37 % der weltweiten Devisengeschäfte sowie zwischen 41 % und 63 % der Importe/Exporte in Euro abgewickelt werden, ist ein klares Zeichen für den Erfolg der gemeinsamen Währung.

2.7

In dieser Stellungnahme sollen die Preisentwicklung und die Gründe für die Unterschiede zwischen der von weiten Teilen der Bevölkerung gefühlten und der realen Inflation nachvollziehbar dargestellt und gegebenenfalls Empfehlungen ausgesprochen werden.

3.   Preisentwicklung in der Eurozone und in den drei Ländern, die nicht Mitglied der Eurozone sind

3.1

Viele Europäerinnen und Europäer sind der Ansicht, dass der Euro zu einer Preissteigerung geführt hat. Wäre dies jedoch der Fall, so würde die Inflation in der Eurozone und in den anderen Ländern unterschiedliche Merkmale aufweisen. Nun haben sich die Preise in der Eurozone aber ähnlich wie in den drei Ländern (Dänemark, Vereinigtes Königreich, Schweden) entwickelt, die die einheitliche Währung nicht eingeführt haben.

3.1.1

Die Korrelationsmatrix zeigt, inwieweit Ähnlichkeiten zwischen den Preisentwicklungen im Euro-Währungsgebiet und den drei anderen Ländern einerseits und zwischen den einzelnen Ländern andererseits bestehen. Die Zahlen in jeder Zelle variieren zwischen 0 (keine Korrelation) und 1 (perfekte Korrelation).

Korrelationsmatrix 2000-2002

 

Eurozone

Dänemark

Schweden

Vereinigtes Königreich

Eurozone

1,00

0,52

0,67

0,67

Dänemark

 

1,00

0,35

0,47

Schweden

 

 

1,00

0,47

Vereinigtes Königreich

 

 

 

1,00

Korrelationsmatrix 2002-2004

 

Eurozone

Dänemark

Schweden

Vereinigtes Königreich

Eurozone

1,00

0,29

0,78

0,80

Dänemark

 

1,00

0,34

0,40

Schweden

 

 

1,00

0,75

Vereinigtes Königreich

 

 

 

1,00

Quelle: Eurostat; eigene Berechnungen.

3.1.2

Die Korrelation zwischen der Inflation in der Eurozone und im Vereinigten Königreich und in Schweden hat sich nach der Einführung des Euro gefestigt. Bei Dänemark ist das Gegenteil zu beobachten. Es ist jedoch festzustellen, dass die Korrelation zwischen den in Dänemark und im Vereinigten Königreich erhobenen Preisen sinkt und die Korrelation zu den schwedischen Preisen stabil bleibt, aber geringer ist.

3.1.3

Außerdem fällt auf, dass mit Ausnahme der Korrelation zwischen Dänemark und dem Vereinigten Königreich die drei nicht der Eurozone angehörenden Länder eine stärkere Korrelation zur Eurozone aufweisen als untereinander!

3.2

Dies zeigt, dass die Preisentwicklung im Eurogebiet nicht auf den Euro zurückgeführt werden kann, da sie in den Ländern, die die einheitliche Währung nicht eingeführt haben, ähnlich verlaufen ist.

3.3

In der nachstehenden Tabelle werden die 12 großen Waren- und Dienstleistungskategorien (individueller Verbrauch nach Verwendungszweck) aufgeführt, die in die Berechnung des HVPI einfließen. Der Tabelle ist ihre jeweilige Gewichtung und die Preissteigerung in den beiden Jahren vor bzw. nach der Einführung des Euro zu entnehmen. Es ist festzustellen, dass auf dieser Ebene nur drei Kategorien eine deutliche Preissteigerung aufweisen (alkoholische Getränke und Tabak, bei denen sich die Preiserhöhung mit höheren Abgaben erklären lässt; Gesundheit und Verkehr). Dies schließt nicht aus, dass in kleinerem Rahmen eine Erhöhung zu verzeichnen war (z.B. die Mieten, die von + 1,5 % im Zeitraum 2000 bis 2002 auf 2 % im Zeitraum 2002 bis 2004 gestiegen sind).

Eurozone

2000-2002

2002-2004

Preissteigerung

Durchschnittliche Gewichtung 2000-2004

cp00 Gesamt-HVPI

2,31

1,99

 

 

cp01 Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke

4,47

1,50

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157,91

cp02 Alkoholische Getränke, Tabak und Betäubungsmittel

3,11

5,42

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39,71

cp03 Bekleidung und Schuhe

0,64

-0,09

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75,87

cp04 Wohnung, Wasser, Elektrizität, Gas und andere Brennstoffe

2,81

2,19

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154,96

cp05 Möbel, Hausrat und laufende Instandhaltung des Hauses

1,68

1,12

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79,84

cp06 Gesundheit

1,59

4,93

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36,04

cp07 Verkehr

1,49

2,51

Image

153,67

cp08 Nachrichtenübermittlung

-5,07

-0,73

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28,23

cp09 Freizeit und Kultur

1,22

0,10

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98,10

cp10 Bildungswesen

3,46

3,49

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9,21

cp11 Hotels, Cafés und Restaurants

3,69

3,23

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91,25

cp12 Sonstige Waren und Dienstleistungen

2,86

2,53

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75,25

Quelle: Eurostat; eigene Berechnungen.

4.   Gründe für den Unterschied zwischen der gefühlten und der ermittelten Inflation

4.1   Sozioökonomische Erklärungen

4.1.1

Die Einführung des Euro erfolgte in den Monaten nach dem 11. eptember in einem weltweiten Klima der Unsicherheit, auch der wirtschaftlichen Unsicherheit. Dies wurde durch die sich verschlechternde Wirtschaftslage noch verstärkt; dieser Zeitraum stand in starkem Gegensatz zu 1999 und 2000, als die Wirtschaft ein außergewöhnliches Wachstum verzeichnete.

4.1.2

Einer der wichtigsten Gründe für diese anhaltende Diskrepanz zwischen der gefühlten und der ermittelten Inflation ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen: die Häufigkeit, mit der die verschiedenen Waren und Dienstleistungen erworben werden, die in die Berechnung des HVPI einfließen, die Entwicklung ihres Preises und die Bedeutung, die die Verbraucher ihnen beimessen.

4.1.2.1

Mit der nachfolgenden Tabelle sollen diese Faktoren objektiviert werden, indem alle Indikatoren des HVPI in fünf „Gattungen“ unterteilt werden: Waren und Dienstleistungen, die regelmäßig erworben werden (mindestens einmal pro Monat), diejenigen, die weniger häufig erworben werden, und diejenigen, bei denen die Häufigkeit des Kaufs je nach Person und Umständen variieren kann. Außerdem wird bei den ersten beiden Kategorien danach unterschieden, ob die jeweiligen Waren oder Dienstleistungen einer starken (inter)nationalen Konkurrenz unterliegen.

4.1.2.2

Es zeigt sich ganz deutlich, dass die Waren und Dienstleistungen, die nur einem geringen Wettbewerbsdruck unterliegen, in den Jahren 2000-2007 erheblich schneller als die durchschnittliche Inflation angestiegen sind (+ 2,12 %). Die Tabelle bestätigt außerdem, dass die Preise der seltener gekauften und starker Konkurrenz unterliegenden Waren erheblich zu einer Mäßigung der Inflation (+ 0,37 %) beigetragen haben, da sie einen großen Anteil an der Inflation haben (mit einem Gewicht von 27 %, gleich nach der Gattung „regelmäßiger Kauf/schwache Konkurrenz“ mit 34 %).

Indikatorkategorien

Konkurrenz

% jährliches Wachstum 2000-7

Beitrag zum HVPI

Gewicht innerhalb des HVPI

Regelmäßiger Kauf

schwach

2,34

0,92

339,40

stark

2,00

0,06

28,80

Unregelmäßiger Kauf

schwach

2,91

0,51

204,70

stark

0,37

0,26

269,10

Häufigkeit variiert

-

2,38

0,37

157,88

HVPI

 

2,12

2,12

1000,00

Quelle: Eurostat; eigene Berechnungen.

4.1.2.3

Die Rolle des unregelmäßigen Kaufs bei starker Konkurrenz spiegelt die Tendenzen des internationalen Handels und seiner strukturellen Veränderungen wider. 1995 kamen zwei Drittel der aus Ländern außerhalb des Eurogebiets stammenden Einfuhren von Industrieerzeugnissen aus Ländern mit hohen Kosten. 2005 war ihr Anteil auf 50 % gesunken. Dieser Rückgang ist dem Vereinigten Königreich, Japan und den USA zuzuschreiben, während der Anteil der Schwellenländer und — in geringerem Maße — der neuen Mitgliedstaaten gestiegen ist. Auch die Wechselkursentwicklungen haben möglicherweise die Handelsbeziehungen mit den Handelspartnern der Eurozone belebt bzw. gebremst.

Anteil der Länder(Gruppen) an den Einfuhren in die Eurozone

 

Hochkostenländer

darunter

Niedrigkostenländer

darunter

Vereinigte Staaten

Japan

Vereinigtes Königreich

China

Neue EU-Mitgliedstaaten

1995

65,7

16,1

10,7

20,3

34,3

5,0

8,0

1997

65,2

17,7

9,6

21,2

34,8

5,8

8,4

1999

64,1

18,4

9,8

19,6

35,9

6,3

9,8

2001

60,2

18,1

8,5

18,6

39,8

7,9

11,6

2003

55,1

15,1

7,8

16,6

44,9

11,0

14,0

2005

50,7

13,9

6,7

15,0

49,3

14,8

13,1

Veränderung 1995-2005

-15,0

-2,2

-4,0

-5,3

15,0

9,8

5,1

Quelle: Europäische Zentralbank, Monatsbericht, August 2006.

4.1.3

Seit 2002 ist eine viel stärkere Preisvolatilität zu beobachten als in den Jahren vor der Euro-Bargeldeinführung.

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4.1.4

Das Einkommensniveau der Haushalte erklärt auch ihre Wahrnehmung der Preisentwicklung. Darüber hinaus kann die unterschiedliche Wahrnehmung innerhalb der Bevölkerung durch die zunehmende Zahl von Singlehaushalten mit einem einzigen Gehalt/Einkommen zur Bestreitung sämtlicher Ausgaben verstärkt werden. Die Lage ist besonders für Haushalte mit Kindern, Einkommensschwache, Geringqualifizierte, Frauen (die im Hinblick auf Gehalt und Beschäftigung noch immer diskriminiert werden) sowie Arbeitnehmer mit flexiblem Arbeitsvertrag schwierig.

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4.1.5

Es ist darauf hinzuweisen, dass sich die Merkmale der Waren und Dienstleistungen, aus denen sich der HVPI zusammensetzt, von einem Jahr zum andern ändern können. Sie können eine Verbesserung der Qualität widerspiegeln, ohne dass sich der Preis geändert hätte. Da der Index aber solchen Veränderungen keine Rechnung trägt, wirkt sich dies im Index als eine Preissenkung aus (was jedoch nicht ausschließt, dass die Waren/Dienstleistungen in ihrer früheren Form schon gar nicht mehr im Handel sind. Die Preissenkung ist dann nur theoretisch und entspricht nicht der Wirklichkeit). Der EZB zufolge haben die Waren, deren Qualität sich deutlich und häufig verbessert, einen Anteil an den Ausgaben von schätzungsweise 8-9 % des HVIP (Pkw, Computer, Handys usw.).

4.1.6

Außerdem sind die Praktiken bestimmter Einzelhändler und der Unternehmen zu erwähnen, die von der Einführung des Eurobargelds profitiert haben, um die Preise missbräuchlich nach oben aufzurunden (Mieten), wobei sich gewisse Zusatzkosten jedoch damit rechtfertigen lassen, dass Maßnahmen zur Umetikettierung usw. ergriffen werden mussten oder Preiserhöhungen nicht direkt weitergegeben, sondern bis zur Umstellung auf den Euro verschoben wurden, um „zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen“. Schätzungen von Eurostat zufolge trug im Jahr 2002 die Umstellung auf den Euro mit 0,12 bis 0,29 Prozentpunkten zum Gesamt-HVPI im Eurogebiet bei.

4.1.7

Schließlich fiel die Euro-Umstellung mit einigen punktuellen Ereignissen zusammen, die in keinem Zusammenhang mit der einheitlichen Währung standen und zu einer Erhöhung der gefühlten Inflation beitrugen. Dies gilt für die starke Verteuerung des Erdöls (+ 35 % zwischen Dezember 2001 und April 2002) und die schlechten Ernten infolge des strengen Winters in Europa, die sich auch auf die Wirtschaft außerhalb der Eurozone ausgewirkt haben.

4.2   Psychologische Erklärungen

4.2.1

Die Verbraucher reagieren unabhängig vom betroffenen Produkt möglicherweise empfindlicher auf Preiserhöhungen als auf Preissenkungen, was noch verstärkt wurde durch den Sprung ins Ungewisse, den die einheitliche Währung bedeutete, das Misstrauen, das angesichts der vielen unterschiedlichen Preisauszeichnungen für ein und dasselbe Produkt nach der Umstellung auf den Euro geweckt wurde, und die Höhe der Ausgaben für die Waren und Dienstleistungen, die sich verteuert hatten (Miete, Nahrungsmittel, Benzin).

4.2.2

Da die Ausgaben für Eigentumswohnungen in Eigennutzung nicht in den HVPI-Warenkorb eingehen, lässt sich der große Unterschied zwischen gefühlter und realer Inflation durch den starken Anstieg der Immobilienpreise in einigen Ländern erklären.

4.2.3

Darüber hinaus nehmen die Verbraucher, die den Euro-Preis eines Produkts, das sie kaufen möchten, in die ehemalige nationale Währung umrechnen, den Preis als Bezug, der vor der Einführung des Euro galt. Dies führt zu einer Verzerrung, denn der alte Preis ist auch aufgrund der Inflation nicht mehr aktuell (3).

4.2.4

Festzuhalten gilt es ferner, dass viele Verbraucher und sogar Marktbeobachter die Kaufkraftentwicklung mit den steigenden Erwartungen an den Lebensstandard verwechseln. Nun zeigen zahlreiche Indizes tendenziell, dass die Lebensstandard-Erwartungen der Verbraucher noch stärker als bisher hochgeschraubt werden durch häufige technologische Veränderungen, neue Produkte oder Dienstleistungen (die zu normalen Verbrauchsgütern werden), ein immer ausgeklügelteres Marketing und eine sehr rasche Verbreitung des vom sozialen Druck diktierten Konsumverhaltens. Beim Kauf eines Satellitennavigationssystems, der zu anderen Verbrauchsgütern hinzukommt, oder von gewaschenem und tafelfertigem Gemüse an Stelle von normalem Gemüse, haben die Verbraucher z.B. den Eindruck einer geringeren Kaufkraft, während die Produkte jedoch deshalb die Haushaltskasse belasten, weil die Erwartungen schneller steigen als die Einkommen.

4.3   Methodische Erklärung

4.3.1

Hier geht es nicht darum, die Gültigkeit des HVPI in Frage zu stellen, der auf monatlichen Beobachtungen und Messungen der nationalen Statistikämter zu mehr als 700 repräsentativen Waren und Dienstleistungen beruht, was nahezu 1,7 Mio. Beobachtungen an 180 000 Verkaufspunkten pro Monat entspricht.

4.3.2

Doch ist darauf hinzuweisen, dass der harmonisierte Verbraucherpreisindex Ergebnis bestimmter Konventionen ist, in erster Linie im Hinblick auf (1) die Auswahl der Waren und Dienstleistungen, die als Indikatoren dienen und in die Berechnung des Indexes einfließen, und (2) ihre Gewichtung.

4.3.3

Wie aus der Tabelle hervorgeht, schwankt die Ausgabenstruktur der Haushalte jedoch je nach ihrem Einkommen. Die stärksten Schwankungen sind bei den tatsächlich gezahlten Mieten zu verzeichnen, für die die 20 % der ärmsten Haushalte im Vergleich zu den reichsten 20 % fünf- bis sechsmal mehr ausgeben. Dies lässt sich damit erklären, dass Letztere Eigentümer und Mieter sind. Deshalb nehmen sie die Entwicklung der Immobilienpreise unterschiedlich wahr. Die ärmsten Haushalte geben außerdem 81 % ihres Einkommens mehr für Lebensmittel und nichtalkoholische Getränke aus, weshalb sie sensibler auf Erhöhungen der Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt reagieren. Die reichsten Haushalte geben 67 % mehr für Neufahrzeuge aus als Haushalte des ersten Quintils. Da die Preise der Neufahrzeuge im Zeitraum 2000-2008 deutlich langsamer gestiegen sind als der HVPI, spüren sie diese positive Entwicklung deutlich.

Eurozone — HVPI = 1000

(Jahr: 2005)

% durchschnittliches jährliches Wachstum

(2000-2008; HVPI = 2,3)

1. Quintil

5. Quintil

Differenz zwischen 1. und 5. Quintil (%)

Durchschnittliche Verbraucherausgaben (KKS)

Gewicht innerhalb des HVPI

Differenz

cp01 Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke

2,5

195

108

80,6

143,3

154,91

11,6

cp02 Alkoholische Getränke, Tabak und Betäubungsmittel

4,1

29

17

70,6

21,4

40,71

19,3

cp03 Bekleidung und Schuhe

1,4

54

62

-12,9

60,3

74,20

13,9

cp04 Wohnung, Wasser, Elektrizität, Gas und andere Brennstoffe

3,1

325

251

29,5

278,9

150,50

-128,4

darunter: cp041 Tatsächlich gezahlte Mieten

1,9

134

24

458,3

53,8

63,50

9,7

cp042 Unterstellte Mieten

-

106

151

-29,8

143,9

 

-

cp05 Hausrat und laufende Instandhaltung des Hauses

1,3

41

69

-40,6

56,8

76,5

19,7

cp06 Gesundheit

2,5

31

42

-26,2

35,7

41,67

5,9

cp07 Verkehr

2,8

92

146

-37,0

125,6

153,31

27,7

darunter: cp071 Ankauf von Fahrzeugen

1,2

23

70

-67,1

48,1

47,93

-0,1

cp08 Nachrichtenübermittlung

-2,7

37

24

54,2

28,6

29,19

0,6

cp09 Freizeit und Kultur

0,6

64

90

-28,9

83,0

94,66

11,7

cp10 Bildungswesen

4,0

7

10

-30,0

8,7

9,49

0,8

cp11 Hotels, Cafés und Restaurants

3,2

42

67

-37,3

55,2

93,19

38,0

cp12 Sonstige Waren und Dienstleistungen

2,3

85

113

-24,8

102,5

81,67

-20,8

darunter: cp121 Körperpflege

1,9

27

25

8,0

26,1

26,36

0,2

cp125 Versicherungen

2,5

44

63

-30,2

55,2

18,60

-36,6

Quelle: Eurostat; eigene Berechnungen.

4.3.3.1

Die nachstehende Tabelle zeigt die unterschiedlichen Inflationsraten für die Bevölkerungsgruppen am oberen und am unteren Rand der Einkommensskala in Abhängigkeit von ihrem Verbraucherprofil und für den Zeitraum seit 1996. In sechs der letzten zwölf Jahre lag die von den ärmsten Menschen zu tragende Preissteigerungsrate über der Inflation, der die Reichsten ausgesetzt waren, umgekehrt war das nur in drei Jahren der Fall. In weiteren drei Jahren gab es keine nennenswerten Unterschiede.

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4.3.3.2

Neben diesem strukturbedingten Effekt ist es offenbar so, dass in Zeiten galoppierender Nahrungsmittelrohstoffpreise die ärmsten Haushalte, die günstige Marken oder bei Discountern einkaufen, noch härter von der Inflation betroffen sein werden, weil bei Lebensmitteln der Anteil der Nahrungsmittelrohstoffe am Verbraucherpreis höher ist (im Gegenzug ist der Kostenanteil für Verpackung, Marketing usw. geringer).

4.3.3.3

Überdies können die ärmsten Haushalte die Auswirkungen der gestiegenen Preise auf ihr Budget nicht auffangen, da sie strukturbedingt nur eine geringe Sparquote haben und ungleich mehr Schwierigkeiten beim Zugang zu Krediten. Sie laufen zudem Gefahr, sich zu überschulden und so in eine Schuldenfalle zu geraten.

4.3.3.4

Diese Feststellung gilt auch auf der Ebene der Mitgliedstaaten. In der nachstehenden Tabelle ist dargestellt, dass die Haushalte unterschiedliche Teile ihres Einkommens für die verschiedenen Kategorien von Gütern und Dienstleistungen ausgeben, und zwar je nach geografischer Lage (eine Insellage bedingt höhere Transportkosten), nach sozioökonomischem Entwicklungsstand (Familien in Rumänien und Bulgarien geben drei Mal mehr für Nahrungsmittel aus als Familien in anderen Ländern) usw. Die beiden letzten Spalten zeigen, inwieweit die Ausgaben zwischen den Ländergruppen oder innerhalb der Eurozone schwanken (je geringer der Variationskoeffizient desto geringer die Abweichungen in den Ausgaben). Die Länder der Eurozone weisen zwar große Ähnlichkeiten auf, bei den anderen Ländergruppen ist das aber weniger der Fall. Das veranschaulicht die begrenzte Aussagekraft des HVPI, der auf gewichteten Durchschnittswerten beruht, die per Definition nicht die besondere Situation der einzelnen Länder wiedergeben können. Wegen der währungs- und inflationspolitischen Auswirkungen sollten die Länder, die der Eurozone beitreten, dies nicht unterschätzen.

 

Eurozone

(außer Lux)

3 alte MS außerhalb der Eurozone

Neue MS außerhalb der Eurozone

(außer Zypern, Malta und Slowenien)

Zypern, Malta

Rumänien Bulgarien

Variationskoeffizient zwischen den Gruppen

Variationskoeffizient innerhalb der Eurozone

Wohnung, Wasser, Elektrizität, Gas und andere Brennstoffe

26,11

30,57

22,86

15,33

25,15

0,23

0,10

Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke

14,24

11,06

25,85

18,17

37,88

0,50

0,18

Transport

12,94

13,82

10,22

15,60

5,73

0,33

0,16

Sonstige Waren und Dienstleistungen

10,14

7,65

6,25

6,89

3,07

0,38

0,29

Freizeit und Kultur

8,65

12,33

6,98

8,02

3,54

0,40

0,32

Hotels, Cafés und Restaurants

6,21

5,27

3,97

7,68

2,34

0,40

0,35

Alkoholische Getränke, Tabak und Betäubungsmittel

2,61

2,56

3,05

2,32

4,78

0,32

0,40

Möbel, Hausrat und laufende Instandhaltung des Hauses

5,77

6,34

5,00

8,30

3,39

0,31

0,13

Bekleidung und Schuhe

5,70

4,92

6,02

8,04

4,66

0,23

0,21

Gesundheit

3,53

2,12

3,54

3,89

4,07

0,22

0,44

Kommunikation

3,06

2,73

5,21

3,16

4,72

0,29

0,17

Bildung

1,05

0,63

1,05

2,59

0,66

0,68

0,61

Anmerkung: keine Daten für Luxemburg verfügbar.

4.3.4

Ebenso besteht zuweilen ein erheblicher Unterschied zwischen der durchschnittlichen Struktur der Verbraucherausgaben und der Gewichtung der Indikatoren im HVPI. So haben die Haushalte im Euro-Währungsgebiet durchschnittlich 27,5 % ihres Einkommens für Wohnraum, Wasser und Energie ausgegeben, aber diese Rubrik macht nur 16,3 % des HVPI aus. Auch das Gesundheitswesen und die Versicherungen sind zu schwach gewichtet. Andererseits werden die Nahrungsmittel, der Verkehr und der Posten „Hotels, Cafés und Restaurants“ im HVPI zu stark gewichtet.

Brüssel, den 9. Juli 2008

Der Präsident

des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses

Dimitris DIMITRIADIS


(1)  Siehe Stellungnahme des EWSA zum Thema „Wirkung und Folgen der Strukturpolitik für den Zusammenhalt in der EU“, ABl. C 10 vom 15.1.2008, S. 96, Ziffer 1.14.

(2)  Siehe die von der Nationalbank Belgiens im Auftrag der belgischen Regierung erstellte Analyse der Inflationsentwicklung in Belgien: Banque Nationale de Belgique „L'évolution de l'inflation en Belgique: une analyse de la Banque nationale de Belgique réalisée à la demande du gouvernement fédéral“, Revue économique, 2008, S. 17.

(3)  Beispiel: Ich beabsichtige, Ende 2002 ein Auto zu kaufen, und erinnere mich, dass es vor einem Jahr 100 gekostet hätte. 100 ist mein heutiger Bezugspunkt, seitdem ist aber die am HVPI gemessene Inflationsrate auf 2,2 gestiegen, ich müsste mich also bei dem Preis auf 102,2 und nicht auf 100 beziehen. Wenn ich dieses Vorhaben 2007 durchführen wollte, wäre die Differenz noch größer, denn der Preis beliefe sich auf 114!


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