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Document 52013IE1904

Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Für einen nachhaltigeren Konsum: die Lebensdauer von Industrieprodukten und die Verbraucherinformation zugunsten eines neuen Vertrauens“ (Initiativstellungnahme)

OJ C 67, 6.3.2014, p. 23–26 (BG, ES, CS, DA, DE, ET, EL, EN, FR, HR, IT, LV, LT, HU, MT, NL, PL, PT, RO, SK, SL, FI, SV)

6.3.2014   

DE

Amtsblatt der Europäischen Union

C 67/23


Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Für einen nachhaltigeren Konsum: die Lebensdauer von Industrieprodukten und die Verbraucherinformation zugunsten eines neuen Vertrauens“ (Initiativstellungnahme)

2014/C 67/05

Berichterstatter: Thierry LIBAERT

Ko-Berichterstatter: Jean-Pierre HABER

Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss beschloss am 14. Februar 2013, gemäß Artikel 29 Absatz 2 der Geschäftsordnung eine Initiativstellungnahme zu folgendem Thema zu erarbeiten:

Für einen nachhaltigeren Konsum: die Lebensdauer von Industrieprodukten und die Verbraucherinformation zugunsten eines neuen Vertrauens (Initiativstellungnahme).

Die mit den Vorarbeiten beauftragte Beratende Kommission für den industriellen Wandel (CCMI) nahm ihre Stellungnahme am 26. September 2013 an.

Der Ausschuss verabschiedete auf seiner 493. Plenartagung am 16./17. Oktober 2013 (Sitzung vom 17. Oktober) mit 178 Stimmen bei 1 Gegenstimme und 5 Enthaltungen folgende Stellungnahme:

1.   Schlussfolgerungen und Empfehlungen

1.1

Die geplante Obsoleszenz hängt mit einer industriellen Herstellungsweise zusammen, die auf einer Mindesterneuerungsrate der hergestellten Produkte beruht. Auch wenn diese Produkterneuerung notwendig sein mag, müssen bestimmte missbräuchliche Formen bekämpft werden. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss unterscheidet klar zwischen der bewusst einkalkulierten Fehlerhaftigkeit einerseits und der Beschleunigung unserer Verbrauchsmuster andererseits. Auch wenn Vermarktungspraktiken generell hinterfragt werden sollten, welche große Innovationen anpreisen, die oftmals aber nur marginal sind, so befasst sich diese Stellungnahme doch nur mit der Frage, wie die eklatantesten Fälle unter Kontrolle gebracht und die Garantien für Verbraucher verbessert werden können. Ziel ist es, zur Verbesserung des Vertrauens in europäische Unternehmen beizutragen. Die Vorschläge sind technischer, kommerzieller, normativer, pädagogischer und informationeller Natur. Sie sind Teil des strategischen Rahmens für ein besseres Gleichgewicht zwischen Herstellung, Vertrieb und Verbrauch, das sich durch Gerechtigkeit und Loyalität auszeichnet.

1.2

Der EWSA würde ein Totalverbot von Produkten begrüßen, bei denen Fehlerhaftigkeit einkalkuliert wurde, um die Funktionsuntüchtigkeit des Geräts herbeizuführen. Diese seltenen, aber eklatanten Fälle (etwa der von den Medien aufgegriffene Fall bestimmter Drucker, die so gebaut sind, dass sie nach einer bestimmten Anzahl von Anwendungen nicht mehr funktionieren) können nur zu einem wachsenden Misstrauen der Bürger gegenüber den Unternehmen führen.

1.3

Der EWSA rät Unternehmen, die Reparaturen ihrer Produkte zu vereinfachen. Dies muss auf drei Ebenen geschehen: der Ebene des technisch Machbaren (Beispiel Tablet-Computer, bei denen die Batterien an das Gehäuse gelötet wurden, um jedwede Reparatur unmöglich zu machen und den Kauf eines neuen Geräts zu erzwingen); die Möglichkeit für Verbraucher, sich bis zu fünf Jahre nach dem Kauf Ersatzteile zu beschaffen; und schließlich sollte beim Kauf eines Produktes stets eine Liste mit den möglichen Reparaturen und der entsprechenden Reparaturanleitung beigefügt sein. Genereller fordert der EWSA in seiner Stellungnahme eine starke Unterstützung des sozialen Aspekts sowie der Reparaturbetriebe. Maßnahmen zur Herstellung eines größeren Vertrauens zwischen Unternehmen und Kunden sollten insbesondere unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, dass damit ein Beitrag zur Schaffung von Arbeitsplätzen geleistet wird.

1.4

Der EWSA lehnt eine verbindliche Regelung ab und unterstützt Zertifizierungsmaßnahmen, die auf freiwilliger Basis erfolgen. So war beispielsweise im Bereich der Haushaltsgeräte die Ersatzteil-Versorgungsgarantie über 10 oder 20 Jahre ein sicheres Kaufargument. Diese Garantie könnte als europäische Norm für sämtliche auf dem Gebiet der 28 EU-Mitgliedstaaten erworbenen Güter eingeführt werden, um keine Nachteile für europäische Unternehmen zu schaffen. Zudem könnten sich die Hersteller dazu verpflichten, Zahlen über die häufigsten Pannen zu veröffentlichen, da sie Kenntnis von den gängigsten Problemen haben. Sie könnten entweder nur diese Teile lagern oder sich dazu verpflichten, sie auf Nachfrage herzustellen oder Lieferbetriebe dieser Marke zu finden, die sie herstellen würden. Das könnte ein starkes Engagement bestimmter Unternehmen darstellen, um für die Zuverlässigkeit ihres Produktes zu garantieren, und neben der Beziehung der Unternehmen zum Verbraucher würde es zudem in das Konzept der freiwilligen Zertifizierung passen, das darin besteht, alles Notwendige für die Instandhaltung des Produkts zu liefern und einen langlebigen Gebrauch sicherzustellen.

1.5

Der EWSA fordert die Mitgliedstaaten auf, die Bekämpfung der geplanten Obsoleszenz in ihrem öffentlichen Auftragswesen zu berücksichtigen. Da öffentliche Aufträge in den Ländern der Europäischen Union große Bedeutung haben (16 % des BIP), kommt den öffentlichen Einrichtungen eine wichtige Rolle zu, die unter anderem in vorbildhaftem Verhalten besteht.

1.6

Der EWSA ist der Auffassung, dass eine Verbesserung der Qualität und Nachhaltigkeit der Produkte dauerhafte Arbeitsplätze in Europa schaffen wird und folglich unterstützt werden sollte. Flankiert durch angemessene Weiterbildungen kann diese Entwicklung dazu beitragen, die Krise, die den europäischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern schwer zu schaffen macht, zu bewältigen.

1.7

Der EWSA befürwortet die Angabe der geschätzten Lebensdauer oder der Zahl der Inbetriebnahmen eines Produkts auf der Verpackung, damit der Verbraucher die Kaufentscheidung in voller Sachkenntnis treffen kann. Er empfiehlt, die Angabe eines Preises pro Jahr je nach der geschätzten Lebensdauer auf freiwilliger Basis zu erproben, um zum Kauf langlebiger Produkte anzuregen. Um missbräuchliche Verwendungen zulasten des Verbrauchers zu vermeiden, müsste allerdings die angegebene Lebensdauer kontrolliert werden. So könnte der Verbraucher Produkte kaufen, die beim Kauf zwar teurer wären, sich auf lange Sicht jedoch besser rechnen würden. Das würde die Unternehmen zweifelsohne veranlassen, langlebigere Produkte herzustellen. Die Angaben sollten sich auf die für den Verbraucher wesentlichen Informationen beschränken und je nach Produktkategorie unterschiedlich erfolgen, um eine Überinformation auf bestimmten Packungen zu vermeiden.

1.8

Der EWSA hält es für sinnvoll, ein System einzurichten, das eine Mindestlebensdauer für erworbene Produkte gewährleistet. Derzeit gibt es weder Vorschriften für eine Mindestlebensdauer der Produkte noch europäische Normen zur Messung der Lebensdauer. Im Zuge der Umweltkennzeichnung kommen nun aber allmählich derartige Initiativen auf. Unternehmen, die ein Produkt herstellen oder vermarkten, müssen die externen Recycling-Kosten von Produkten mit einer Lebensdauer von weniger als fünf Jahren internalisieren, insbesondere dann, wenn das Produkt umweltschädliche Substanzen enthält.

1.9

Der EWSA schlägt vor, das Angebot von Kaufgarantien um eine Mindestfunktionsgarantie zu erweitern, bei der etwaige Reparaturkosten vom Hersteller zu übernehmen sind.

1.10

Die durch eine verkürzte Lebensdauer der Produkte anfallenden Kosten und die mit den unzureichenden Reparaturmöglichkeiten verbundenen Schwierigkeiten fallen zu einem Großteil auf den Verbraucher zurück, ebenso wie die Politik der Unternehmen und bestimmter Vertreiber, die manchmal versuchen, Garantieverlängerungen nach dem ersten Jahr zu verkaufen, obwohl eine Gewährleistung von zwei Jahren gesetzlich vorgeschrieben wäre. Der Verbraucher scheint oftmals nur wenig über seine Rechte informiert zu sein. Eine bessere Kommunikation, insbesondere über Internetportale und soziale Netze, könnte das Bewusstsein der Verbraucher schärfen. Durch eine europäische Beobachtungsstelle für geplante Obsoleszenz hätten die Verbraucher einen besseren Überblick über die Praktiken und könnten ihre Kaufentscheidungen zielgerichteter treffen.

1.11

Verbraucheraufklärung ist eine Grundvoraussetzung für die richtige und nachhaltige Verwendung von Produkten. Zudem müssen die Verbraucher auch angemessen über die Mindestlebensdauer eines Produktes informiert werden, da diese für die Kaufentscheidung maßgeblich ist. In diesem Zusammenhang wären freiwillige Initiativen und Maßnahmen des Handels und der Unternehmen zu begrüßen.

1.12

Die Verbraucher haben oft das Gefühl, ein regelrechtes Gesetzesdickicht vor sich zu haben. Zwar gibt es zahlreiche Richtlinien zum Thema geplante Obsoleszenz (Geschäftspraktiken, Abfälle usw.), doch scheinen die Texte nur geringfügig aufeinander abgestimmt zu sein, was im Rahmen eines Legislativpakets vereinheitlicht werden müsste.

1.13

Der EWSA empfiehlt den Mitgliedstaaten, den verantwortungsbewussten Konsum vor allem in der Erziehungsphase zu fördern, damit die Verbraucher die Auswirkungen auf die Umwelt unter dem Gesichtspunkt der Lebensdauer, den ökologischen Fußabdruck und die Qualität der Produkte berücksichtigen. Der Ausschuss empfiehlt nachdrücklich, Vertreter der Verbraucher stärker in die aktuelle Diskussion über dieses wichtige und sensible Thema einzubeziehen, da durch ihre Beteiligung ein umfassenderer Ansatz sichergestellt wird.

1.14

Der EWSA empfiehlt der Europäischen Kommission, Studien zu diesem Thema einzuleiten, um Klarheit in die zahlreichen, oftmals widersprüchlichen Informationen zu bringen, die im Umlauf sind. So kann ein objektives Bild davon gezeichnet werden, welche Auswirkungen die geplante Obsoleszenz vor allem auf Wirtschaft und Gesellschaft hat, und zwar in Bezug auf ihre erklärten Vorteile nicht nur für die Verkaufszyklen der Produkte, sondern auch für die Beschäftigung und die Handelsbilanz.

1.15

Der EWSA schlägt vor, 2014 eine große europäische Diskussionsrunde zu diesem Thema zu veranstalten. Daran sollten alle betroffenen Akteure teilnehmen: Unternehmer, Finanzdienstleister, Vertriebsfirmen, Gewerkschaften, Verbraucherverbände, NGO, Agentur für Normung, Sachverständige usw. Die Diskussionsrunde sollte ferner branchenübergreifend sein, um eine Konzentration auf einige wenige Industriezweige zu vermeiden. Im Hinblick auf eine möglichste große Öffentlichkeitsbeteiligung sollte sie von einem Forum flankiert werden, das allen Bürger der Europäischen Union offensteht. Für diese Beteiligung könnten unter anderem die sozialen Netzwerke genutzt werden.

1.16

Allgemein schlägt der EWSA vor, die Forschung und Entwicklung in Bezug auf drei Aspekte voranzutreiben, die die geplante Obsoleszenz eindämmen:

die umweltgerechte Gestaltung der Produkte: Mit diesem Ansatz kann von Anfang an die Nachhaltigkeit der eingesetzten Ressourcen gewährleistet und können die Auswirkungen der Güter und ihres gesamten Lebenszyklus auf die Umwelt berücksichtigt werden;

die Kreislaufwirtschaft mit einem "Cradle-to-Cradle-Ansatz" ("von der Wiege bis zur Wiege"), der darin besteht, dass die Abfälle eines Unternehmens zu Ressourcen für andere werden;

die sogenannte "Shareconomy", die den Schwerpunkt auf die Verwendung der Produkte legt und nicht auf ihren Besitz. Gemäß dieser Logik verkaufen die Unternehmen nicht ein Produkt, sondern sie stellen die Funktion des Produkts entsprechend seinem Gebrauch in Rechnung. Dadurch liegt es im Interesse der Unternehmen, solide, reparable und einfach zu unterhaltende Geräte zu entwickeln sowie eine geeignete Produktionskette und Logistik zu gewährleisten, die im Zentrum des Wirtschaftsmodells des jeweiligen Unternehmens steht.

1.17

Mit diesem Signal an die europäische Ebene bringt der EWSA seine Hoffnung zum Ausdruck, dass Europa eine wirtschaftliche Übergangsphase von einer Verschwendungsgesellschaft in eine nachhaltige Gesellschaft einläutet und ein Wachstum schafft, das im Sinne der Bürger auf die Bedürfnisse der Verbraucher ausgerichtet ist und nie nur einen reinen Selbstzweck verfolgt.

2.   Einleitung und Inhalt

2.1

Die geplante Obsoleszenz gibt aus mehreren Gründen Anlass zur Sorge: Durch eine verkürzte Lebensdauer der Konsumgüter steigt sowohl der Ressourcenverbrauch als auch die Menge an Abfällen, die nach Ablauf der Lebensdauer der Produkte einer Behandlung zugeführt werden müssen. Obsoleszenz wird in unterschiedlichen Formen eingesetzt, um den Absatz anzukurbeln und das Wirtschaftswachstum zu fördern, indem ein unaufhörlicher Bedarf erzeugt und Konsumgüter produziert werden, die gewollt irreparabel sind.

2.2

Dies hat zur Folge, dass die Ressourcenverschwendung und die erzeugte, unsinnige Verschmutzung ein derartiges Ausmaß angenommen haben, dass sich die Zivilgesellschaft und politische Vertreter, die sich mit diesen Praktiken nicht abfinden können, zusammenschließen, um auf die Inkohärenzen des Systems hinzuweisen und sie zu bekämpfen (Sammelklagen in den USA gegen Apple, Einreichung einer Klage in Brasilien, Einreichung einer Gesetzesvorlage in Belgien und Frankreich Anfang 2013).

2.3

Es wird allgemein zwischen mehreren Arten der "künstlichen Alterung" unterschieden, da Obsoleszenz als Wertverlust eines Materials oder eines Geräts vor seiner materiellen Abnutzung definiert werden kann (cf. das Wörterbuch Le Petit Larousse), sodass ein Gerät aus Gründen an Wert verliert oder veraltet erscheint, die nicht auf die physische Abnutzung zurückzuführen sind, sondern mit dem technischen Fortschritt, der Entwicklung der Verhaltensmuster, den Modetrends usw. zusammenhängen.

2.4

Es lassen sich mehrere Formen der Obsoleszenz unterscheiden:

die geplante Obsoleszenz im engeren Sinne, bei der eine verkürzte Lebensdauer des Produktes eingeplant wird, ggf. auch durch das Einbauen einer internen Vorrichtung, die die Funktionsuntüchtigkeit des Geräts nach einer bestimmten Anzahl von Anwendungen herbeiführt;

die indirekte Obsoleszenz, die im Allgemeinen darin besteht, dass ein Produkt aufgrund fehlender passender Einzelteile nicht repariert werden kann oder die Reparatur an sich unmöglich ist (siehe den Fall der an das elektronische Gerät gelöteten Batterien);

die durch Inkompatibilität entstehende Obsoleszenz, z.B. bei Software, die nach einem Update des Betriebssystems nicht mehr funktioniert. Diese Obsoleszenz hängt mit der Obsoleszenz des Kundendienstes zusammen, die den Kunden – zum Teil aufgrund der Reparaturzeiten und der Preise – eher dazu tendieren lässt, ein neues Produkt zu kaufen, als sein altes Gerät reparieren zu lassen;

die durch die Marketingkampagnen der Unternehmen entstehende psychologische Obsoleszenz, die bei Verbrauchern den Eindruck entstehen lässt, dass die bestehenden Produkte veraltet seien. Es wäre zwecklos, einen Tablet-Hersteller dazu zu verpflichten, Geräte mit einer Lebensdauer von 10 Jahren herzustellen, wenn unsere Verbrauchsmuster derart sind, dass wir alle zwei Jahre ein neues Gerät wollen. So werden Mobiltelefone beispielsweise im Durchschnitt alle 20 Monate ersetzt (in der Gruppe der 12- bis 17-Jährigen sind es 10 Monate). Obwohl der vierte Punkt von großer Bedeutung ist, konzentriert sich die Stellungnahme auf die ersten drei Punkte. Der vierte Punkt sollte im Rahmen eines gesonderten Ansatzes zu den Verbrauchsverhalten behandelt werden.

2.5

Bei diesem Thema gibt es keinen endgültigen Konsens. Diese Abstufungen bei den Definitionen zeigen, dass eine allgemeine Definition des Begriffs notwendig ist und differenzierte Maßnahmen nach objektiven Faktoren (technischen Aspekten) und subjektiven Faktoren (Trends, Markteinführung neuer Produkte) der Obsoleszenz festgelegt werden müssen. Es kann Produkte geben, deren Kurzlebigkeit gut für die Umwelt sein kann. Im Übrigen hängt die Obsoleszenz auch vom Verbraucherverhalten ab.

2.6

Der EWSA befürwortet einen differenzierten Ansatz. Es geht nicht darum, die Lebensdauer aller Produkte gleichermaßen verlängern zu wollen, sondern je nach Nutzung des Produkts zu urteilen. Ebenso bevorzugt der EWSA ein Vorgehen gemäß dem Prinzip der optimierten Nutzung, auch wenn eine Optimierung nicht unweigerlich zu einer Verlängerung der Lebensdauer führt. Der EWSA will zu einer besseren Wahrnehmung der Zuverlässigkeit der Produkte europäischer Unternehmen beitragen.

2.7

Es gibt viele Gründe, warum sich die Europäische Union mit dem Thema der geplanten Obsoleszenz befassen sollte, namentlich aus umweltrelevanten, sozialen, gesundheitsbezogenen, kulturellen und ökonomischen Gründen. Auch weniger greifbare, aber unseres Erachtens genauso wichtige Aspekte müssen berücksichtigt werden, nämlich die symbolische und die ethische Ebene.

2.8

Aus Umweltsicht verbrauchen wir heute mit einem jährlichen Rohstoffkonsum von etwa 60 Milliarden Tonnen etwa 50 % mehr natürliche Ressourcen als noch vor 30 Jahren. Ein Europäer verbraucht dabei 43 kg Ressourcen am Tag, ein Afrikaner 10 kg. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat auf Grundlage der Zahlen aus dem Jahr 1999 geschätzt, dass bei einer jährlichen Wachstumsrate der Primärproduktion von 2 % die Reserven an Kupfer, Blei, Nickel, Silber, Zinn und Zink nach 30 Jahren und die an Aluminium und Eisen nach 60 bis 80 Jahren verbraucht sein werden. Immer mehr Stoffe drohen daher knapp zu werden. Zudem fallen in Europa jährlich zehn Millionen Tonnen Elektro- und Elektronik-Altgeräte (WEEE) an (Zahlen von 2012), 2020 werden es voraussichtlich zwölf Millionen Tonnen sein. Parallel zur Bekämpfung der geplanten Obsoleszenz sollten die in der neuen, am 13. August 2012 in Kraft getretenen EU-Richtlinie genannten Rückgewinnungsmaßnahmen ebenso unterstützt werden wie Recycling und Innovation.

2.9

Aus gesellschaftlicher Sicht wirft die geplante Obsoleszenz drei Arten von Problemen auf. Erstens ist im Zusammenhang mit der Krise festzustellen, dass die Denkweisen, die durch die geplante Obsoleszenz von Konsumgütern entstehen, zum Kauf auf Raten und zu bislang nie dagewesenen Schuldenquoten beitragen. Diejenigen, die am stärksten unter der Obsoleszenz zu leiden haben, sind Personen aus benachteiligten Gesellschaftsschichten, die sich langlebige Produkte nicht leisten können und sich oftmals mit anfälligeren Einstiegsprodukten zufriedengeben. Zweitens kann die gesamte Beschäftigungssparte der Reparaturbetriebe unter den negativen Folgen der geplanten Obsoleszenz zu leiden haben. Die Zahlen im Bericht der ADEME (1) (2007) bestätigen diese Tendenz: Nur 44 % der defekten Geräte werden repariert. Bei Geräten ohne Garantie schätzen die Vertreiber die Reparatureingriffe auf 20 %. Aus dem Bericht der ADEME (2010) geht auch hervor, dass die Reparaturen in Frankreich zwischen 2006 und 2009 stark zurückgegangen sind, insbesondere bei Elektrohaushaltsgeräten. Die Reparaturbranche hat den Vorteil, dass sie nicht verlagert werden kann und überwiegend sichere Arbeitsplätze bietet.

2.10

Die Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit sind nicht unwesentlich. Hier sind zwei Formen zu unterscheiden: Einerseits gibt es aufgrund der giftigen elektronischen Bestandteile direkte Auswirkungen der Müllverbrennung auf die Anwohner, und andererseits gibt es Auswirkungen auf internationaler Ebene. So mangelt es derart an Infrastrukturen zur Behandlung von Abfall aus Informatikgeräten, dass viele funktionsuntüchtige Produkte illegal in Weltgegenden exportiert werden, wo ihre Abfallbeseitigung zwar weniger kostet, dafür aber etliche negative Folgen für die örtliche Bevölkerung hat (z.B. in Ghana, wo Alteisen aus den Abfällen wiedergewonnen und nach Dubai oder China gesandt wird). Viele dieser Abfälle landen in den südlicheren Ländern, wo sie eine Gefahr für die Umwelthygiene darstellen.

2.11

Die Auswirkungen sind auch kultureller Art. Einigen Studien zufolge liegt die durchschnittliche Lebensdauer von Elektrohaushaltsgeräten bei 6 bis 8 Jahren, während sie vor 20 Jahren noch 10 bis 12 Jahre betrug. Die Verbraucher dürfen sich zu Recht fragen, warum die Lebensdauer der Produkte zurückgeht, obwohl Innovation überall großgeschrieben wird. Die Herstellung von Vertrauen zwischen den Bürgern Europas und der europäischen Industrie ist ein langwieriger Prozess, der nun durch die Obsoleszenz untergraben wird. Zu einem Zeitpunkt, da fast alle Meinungsumfragen eine größtmögliche Kluft zwischen den Europäern und der europäischen Industrie aufzeigen, trägt das Empfinden der Verbraucher, dass Schäden vorzeitig herbeigeführt werden oder Reparaturen unmöglich sind, natürlich nicht dazu bei, dass die Europäer wieder Frieden mit ihren Unternehmen schließen. Dies erklärt zum Teil, weshalb 92 % der europäischen Bürger (2) sich für die Angabe der Lebensdauer (oder Gebrauchsdauer) eines Produktes aussprechen. Ein größeres Vertrauen der Bürger in die Unternehmen trägt mit zur Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen bei.

2.12

Und schließlich hat die Obsoleszenz auch wirtschaftliche Auswirkungen. Das Gros der beschuldigten Unternehmen stammt aus der High-Tech-Branche, in der die Produkte oftmals nach Europa importiert werden. Wenn sich die Europäische Union dieses Themas annehmen würde, böte sie den europäischen Unternehmen eine Möglichkeit, sich durch eine wirksame Umsetzung der Nachhaltigkeit abzusetzen.

2.13

Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss ist sich auch der weniger greifbaren, aber womöglich nicht minder wichtigen Aspekte bewusst. Auf symbolischer Ebene stellen wir fest, dass, obwohl sämtliche Arbeiten im Rahmen von Rio+20 zeigen, wie wichtig uns die nachhaltige Entwicklung ist, das Thema der geplanten Obsoleszenz den Kern der nachhaltigen Entwicklung, wie sie uns vorschwebt, schlechthin berührt. Nach unserem Verständnis der Stellung der Ethik in unserer Gesellschaft erscheint es uns problematisch, dass die Arbeit von Ingenieuren darin bestehen kann, Produkte zu entwerfen, die vorzeitig altern sollen, oder dass es Werbekampagnen gibt, die die Verbraucher zum Kaufen anregen sollen, wohl wissend, dass dies ihre Zufriedenheit nicht steigern wird.

Brüssel, den 17. Oktober 2013

Der Präsident des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses

Henri MALOSSE


(1)  Agentur für Umwelt und Kontrolle des Energieverbrauchs.

(2)  Eurobarometer-Umfrage "Attitudes Of Europeans Towards Building The Single Market For Green Products" Europäische Kommission Flash 367 Juli 2013.


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