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Mitteilung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament - Arbeitsplätze in ländlichen Gebieten: Schließen der Beschäftigungslücke {SEK(2006)1772}

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52006DC0857

Mitteilung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament - Arbeitsplätze in ländlichen Gebieten: Schließen der Beschäftigungslücke {SEK(2006)1772} /* KOM/2006/0857 endg. */


[pic] | KOMMISSION DER EUROPÄISCHEN GEMEINSCHAFTEN |

Brüssel, den 21.12.2006

KOM(2006) 857 endgültig

MITTEILUNG DER KOMMISSION AN DEN RAT UND DAS EUROPÄISCHE PARLAMENT

Arbeitsplätze in ländlichen Gebieten: Schließen der Beschäftigungslücke {SEK(2006)1772}

1. EINFÜHRUNG

Der Europäische Rat hat auf seiner Tagung in Lissabon im Jahre 2000 im Rahmen der im Jahre 1997 initiierten Europäischen Beschäftigungsstrategie die Vollbeschäftigung als Ziel genannt und als mittelfristiges Ziel bis zum Jahr 2010 eine Beschäftigungsquote von 70 % vorgegeben. Als ein Element dieses Prozesses hat sich der Agrarrat vom Juli 2003 auf Schlussfolgerungen über „die Beschäftigung in den ländlichen Gebieten im Rahmen der Europäischen Beschäftigungsstrategie“ verständigt. Der Agrarrat sieht die Zukunft der ländlichen Beschäftigung mit mehreren Herausforderungen konfrontiert: dazu gehören beispielsweise die Alterung der landwirtschaftlichen Bevölkerung, die Teilnahme junger Menschen und Frauen an der ländlichen Wirtschaft, die Erweiterung der Europäischen Union sowie die Tatsache, dass nach der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik die Unterstützung nicht mehr an das Erzeugnis, sondern an den Erzeuger gekoppelt werden soll. Der Agrarrat hat die Kommission aufgefordert, eine eingehende Analyse über die Beschäftigungsaussichten in ländlichen Gebieten vorzunehmen und Überlegungen hinsichtlich der Schaffung eines statistischen Instrumentariums für ländliche Gebiete anzustellen.

2. DIE GAP, LÄNDLICHE ENTWICKLUNG UND DIE EU-PRIORITÄT FÜR BESCHÄFTIGUNG

Am 2. Februar 2005 schlug die Kommission einen Neubeginn für die Strategie von Lissabon vor. Hierzu sollen die Anstrengungen auf zwei zentrale Aufgaben konzentriert werden: Herbeiführung eines kräftigeren und nachhaltigen Wachstums und Schaffung von mehr und besseren Arbeitsplätzen[1]. Im Rahmen der Europäischen Beschäftigungsstrategie besteht die Notwendigkeit, die Anpassungsfähigkeit der Erwerbsfähigen und der Unternehmen zu verbessern sowie die Investitionen in das Humankapital durch bessere Bildung und Qualifikation zu erhöhen. Die Leitlinien des Beitrags der Gemeinsamen Agrarpolitik – Märkte und ländliche Entwicklung – zur Lissabon-Strategie wurden 2001 auf der Europäischen Ratstagung von Göteborg festgelegt und 2003 mit den Schlussfolgerungen von Thessaloniki zur Lissabon-Strategie bekräftigt: Eine starke Wirtschaftsleistung, die mit einer nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen einhergeht . Die Leitlinien wurden in der vom Europäischen Rat am 16. Juni 2006 beschlossenen erneuerten EU-Strategie für nachhaltige Entwicklung nochmals bestätigt.

Die neue Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) gründet auf einer Marktpolitik, bei der die Intervention die Funktion eines Sicherheitsnetzes übernimmt und eine Einkommensstabilisierung durch entkoppelte Beihilfen unter Einhaltung bestimmter Grundanforderungen („Cross-compliance“) erreicht wird. Die neue GAP gründet außerdem auf einer verstärkten ländlichen Entwicklungspolitik, deren Schwerpunkt auf Beschäftigung, Wachstum und Nachhaltigkeit liegt. In den strategischen Leitlinien der Gemeinschaft für die Entwicklung des ländlichen Raums werden die Bereiche genannt, die in Bezug auf die Strategie für nachhaltige Entwicklung der EU und die Lissabon-Strategie für Wachstum und Beschäftigung als wesentlich für die Realisierung der EU-Prioritäten für den Zeitraum 2007–2013 gelten.

3. DIE BESCHÄFTIGUNGSLÜCKE

Die ländlichen Gebiete in Europa sind durch eine verschiedenartige Bevölkerungsstruktur und Demografie sowie durch verschiedenartige wirtschaftliche und soziale Strukturen und Arbeitsmärkte geprägt. Diese Vielfältigkeit macht einen Teil ihres Reichtums aus. Trotzdem stehen viele ländliche Gebiete in Europa vor einem gemeinsamen Problem: Bei der Schaffung hochqualifizierter und nachhaltiger Arbeitsplätze bleiben sie hinter den städtischen Gebieten zurück.

3.1. Indikatoren der ländlichen Gebiete

Nimmt man die Bevölkerungsdichte zum Maßstab, so machen ländliche Gebiete 93 % der Fläche der EU-27 aus. 20 % der Einwohner leben in überwiegend ländlichen Gebieten; 38 % leben in teilweise ländlichen Gebieten[2]. Die ländlichen Gebiete erwirtschaften 45 % der Bruttowertschöpfung in der EU-27 und verfügen über 53 % der Arbeitsplätze. Sie hinken jedoch in vielen Bereichen häufig im Vergleich zu den überwiegend städtischen Gebieten hinterher. In der EU-27 ist das Pro-Kopf-Einkommen in den überwiegend städtischen Gebieten fast doppelt so hoch wie in den überwiegend ländlichen Gebieten. Eine geringe Einkommenshöhe erschwert es, qualifizierte Personen zu binden oder anzuziehen. Dieses Gefälle schlägt sich auch in anderen Hauptindikatoren nieder (siehe Anhang).

Die demografische Entwicklung

Der Anteil der ländlichen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung der EU ist in den letzten Jahrzehnten relativ stabil geblieben. Diese relative Stabilität auf der Gesamtebene verschleiert jedoch innerhalb der Mitgliedstaaten und zwischen diesen bestehende erhebliche Unterschiede sowie wichtige Bevölkerungsentwicklungen der vergangenen 15 Jahre auf regionaler Ebene.

Derzeit finden zwei weit reichende Prozesse demografischer Veränderung in Europa statt: Einerseits eine seit langem stattfindende „Verstädterung“, im Rahmen derer Bevölkerung und Wirtschaftsaktivität aus den abgelegeneren ländlichen Gebieten in städtische und gut erreichbare ländliche Gebiete abwandert sowie andererseits eine neuere „Gegenentwicklung zur Verstädterung“, im Rahmen derer eine (durch neue Verkehrs- und IKT-Infrastruktur ermöglichte) Abwanderung aus den städtischen Gebieten in gut erreichbare ländliche Gebiete zu beobachten ist, die zunehmend durch einen verstädterten Lebensstil unter Druck geraten. Im Ergebnis stellen die gut erreichbaren Teile der teilweise ländlichen Gebiete ein Wachstumsgebiet dar, dessen Wirtschaftsstruktur zunehmend den städtischen Gebieten ähnelt. In den überwiegend ländlichen Gebieten, vor allem in den abgelegeneren Teilen der EU, findet dagegen weiterhin eine Abwanderung von Bevölkerung und Wirtschaftsaktivität statt[3].

Hinsichtlich der Altersstruktur gibt es bei den südlichen Mitgliedstaaten die deutlichsten Anzeichen für eine demografische Alterung in den ländlichen Gebieten. Hinsichtlich des Geschlechts ist als wichtigster Trend eine „Vermännlichung“ der dünn besiedelten nordischen ländlichen Gebiete und der weniger entwickelten ländlichen Gebiete der neuen Mitgliedstaaten durch die Abwanderung jüngerer Frauen zu beobachten[4].

Geringere Erwerbsquote und höhere Erwerbslosenquote

In der EU-25 ist die Beschäftigung im Zeitraum 1996–2001 in den städtischen Gebieten am stärksten gewachsen. Die Erwerbsquote hat in überwiegend städtischen Gebieten um 3,6 %, in überwiegend ländlichen Gebieten dagegen nur um 1,9 % zugenommen. Diese Zahlen weisen auf ein zunehmendes Erwerbsquotengefälle zwischen städtischen und ländlichen Gebieten hin[5]. 2004 war die Erwerbsquote in der EU-27 in überwiegend städtischen Gebieten fast 5 % höher (64,7 %) als in überwiegend ländlichen Gebieten (60,1 %). In dem Zusammenhang sollte jedoch nachdrücklich auf die Vielfältigkeit der ländlichen Gebiete hingewiesen werden. In einigen ländlichen Gebieten, vor allem in stadtnahen Gebieten, ist eine starke Zunahme der Beschäftigung zu beobachten – eine in OECD-Ländern zu beobachtende allgemeine Entwicklung[6]. Auf subregionaler Ebene kann sich die Situation im Vergleich zur Entwicklung auf regionaler Ebene recht unterschiedlich darstellen, besonders dort, wo Erwerbstätige aus der Landwirtschaft in Marktstädten und großen Dörfern Arbeit finden.

Die Erwerbslosenquote ist allgemein in ländlichen Gebieten wesentlich höher als in städtischen Gebieten. Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist vor allem in Ländern mit einer hohen Erwerbslosenquote deutlich ausgeprägt. Die Langzeiterwerbslosigkeit ist nur in überwiegend ländlichen Gebieten relativ hoch, was ein Hinweis auf die wachsende Ausgrenzung von gering verdienenden Gruppen sein könnte. Es wird geschätzt, dass rund 5 Millionen Menschen in ländlichen Gebieten möglicherweise von „verdeckter Arbeitslosigkeit“ betroffen sind (unterbeschäftigte Landwirte und landwirtschaftliche Arbeiter).

Langsamere Entwicklung des tertiären Sektors

Der Dienstleistungssektor ist in den ländlichen Gebieten Europas der größte Arbeitgeber. Er ist jedoch im Vergleich zu den städtischen Gebieten kleiner und wird häufig vom öffentlichen Sektor dominiert. Dies liegt daran, dass der private Dienstleistungsbereich nur wenig entwickelt ist: diese Dienstleistungen sind größtenteils in den Städten angesiedelt. Der Dienstleistungssektor hatte 2002 in überwiegend ländlichen Gebieten einen Anteil von 57 % und in halbländlichen Gebieten einen Anteil von 65 % an der Beschäftigung. In überwiegend städtischen Gebieten betrug dieser Anteil dagegen 75 %. Diese Tatsache schlägt sich auch in einem langsameren Übergang zu Tätigkeiten mit dem Schwerpunkt in der wissensbasierten Wirtschaft nieder.

Qualifikation und Humankapital

In ländlichen Gebieten ist im Allgemeinen die Qualifikation und das Humankapital geringer als in städtischen Gebieten. In vielen Mitgliedstaaten verfügen in städtischen Gebieten mehr Menschen über eine die Primarbildung bzw. eine die Sekundarstufe I übersteigende Bildung als in ländlichen Gebieten. In städtischen Gebieten verfügen fast 20 % der erwachsenen Bevölkerung über eine Bildung im Tertiärbereich; in ländlichen Gebieten beträgt dieser Wert nur rund 15 %[7]. Eine im Tertiärbereich erworbene Bildung führt oft zur Abwanderung von qualifizierten Personen aus ländlichen in städtische Gebiete; sie bleiben nach dem Studium in einem städtischen Gebiet, weil es dort bessere Beschäftigungsmöglichkeiten gibt.

Fehlende Möglichkeiten für Frauen und junge Menschen

In ländlichen Gebieten ist die Lage von Frauen und jungen Menschen nach wie vor unsicher, was häufig zu einer Abwanderung von Frauen und Jugendlichen der wirtschaftlich aktiven Altersgruppen führt. Das Fehlen von Ausbildungsinfrastruktur und geeigneten Kinderbetreuungseinrichtungen verhindert in einigen ländlichen Gebieten, dass Menschen in den Arbeitsmarkt integriert werden und ihre Qualifikation verbessern. Die Erwerbslosenquote von Frauen und Jugendlichen ist in ländlichen Gebieten häufig relativ hoch. Die Quote betrug für Frauen in ländlichen Gebieten 10,6 %, während die Quote für Männer mit 7,9 % im Vergleich niedriger war. In städtischen Gebieten liegt die Erwerbslosenquote für Frauen und Männer näher beieinander (6,8 % bzw. 6,2 %). Die Jugenderwerbslosigkeit war sowohl in überwiegend als auch in teilweise ländlichen Gebieten mit 17,6 % bzw. 16 % erheblich höher als in städtischen Gebieten, wo sie 11 % beträgt.[8]

3.2. Der Stellenwert der Landwirtschaft

In den meisten ländlichen Gebieten entfallen weniger als 10 % der Gesamtbeschäftigung auf den Primärsektor. In einem Drittel aller ländlichen Gebiete liegt der Anteil bei weniger als 5 % (das ist in etwa der Durchschnitt für die EU-25). In manchen ländlichen Gebieten – vor allem im Osten und Süden der EU – liegt der Anteil jedoch bei über 25 %. Die landwirtschaftliche Produktivität ist zudem in den meisten überwiegend ländlichen Gebieten erheblich niedriger[9].

Die Integration des Agrarsektors der neuen Mitgliedstaaten in die GAP ist im Allgemeinen reibungslos und positiv verlaufen, vor allem was die Einkommen betrifft. Eine erfolgreiche Anpassung der Agrarstrukturen, wie sie in anderen Teilen der EU gelungen ist, wird jedoch der Schlüssel zu einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und der umweltpolitischen Nachhaltigkeit des Agrarsektors sowie für eine erhöhte Beschäftigung und höheres Wachstum in verwandten Wirtschaftsbereichen sein.

Derzeit sind weniger als 10 % der Betriebsleiter landwirtschaftlicher Betriebe in der EU-25 jünger als 35 Jahre; über 24 % sind älter als 65 Jahre. Im Zeitraum 2000–2005 hat die Landwirtschaft in der EU-25 vor allem Arbeitskräfte im besten Alter zwischen 25 und 54 Jahren verloren. An zweiter Stelle folgen junge Arbeitnehmer(15–24 Jahre) und erst dann ältere Arbeitnehmer (55–64 Jahre). Der Rückgang von im Agrarsektor tätigen jungen Menschen kann beim Generationswechsel besondere Probleme bereiten.

Beim Ausbildungsstand der Landwirte bestehen zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten große Unterschiede. Vielen Landwirten fehlt die notwendige Qualifikation, um die Möglichkeiten des neuen Umfelds von Innovation, Bereitstellung von Umweltdiensten, Diversifizierung und Aufbau von örtlichen Dienstleistungen und Bioenergieerzeugung zu nutzen.

Der Agrarrat hat die Notwendigkeit der Förderung von Forschung und Entwicklung, Berufsbildung, Beratung und Innovation sowie von Humankapital betont[10].

3.3. Die Auswirkungen der GAP-Reform und der ländlichen Entwicklungspolitik

Die wesentlichen Faktoren, die bei der Anpassung der Arbeitsstrukturen im Agrarsektor eine Rolle spielen, sind die technologische Veränderung, die Kapitalrendite und das Einkommen landwirtschaftlicher Arbeitskräfte im Vergleich zu anderen Sektoren. Aufgrund der schrittweisen Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik in den vergangenen zwanzig Jahren konnte die Abwanderung von Arbeitskräften aus dem Agrarsektor im Allgemeinen bei rund 2-3 % im Jahr stabil gehalten werden. Durch die Einführung von direkten Beihilfen als Ausgleich für eine in diesem Zeitraum durchgeführte Verringerung der Preisstützung konnte sichergestellt werden, dass der Umstrukturierungsprozess auf sozial akzeptable Weise vonstatten ging. Ohne diese direkten Beihilfen wären viele ländliche Gebiete in Europa mit erheblichen wirtschaftlichen, sozialen und umweltpolitischen Problemen konfrontiert gewesen. Die ländliche Entwicklung hat in vielen ländlichen Gebieten in erheblichem Maße dazu beigetragen, eine Entvölkerung sowie Landaufgabe zu verhindern.

Es wird angenommen, dass die durch die GAP-Reform von 2003 eingeführte „Entkoppelung“ sich kaum auf die Beschäftigung auswirken wird. Die Anpassung der Produktionsstrukturen wird durch eine effizientere Nutzung von Kapital und Land ausgeglichen werden, was wiederum zu wirtschaftlich nachhaltigeren Aktivitäten führen wird. Es wird erwartet, dass eine zunehmende Marktorientierung neue Einkommensmöglichkeiten sowohl durch eine landwirtschaftliche als auch durch eine nicht landwirtschaftliche Diversifizierung der Landwirte schafft.

Es gibt Anzeichen dafür, dass die im Agrarsektor stattgefundenen Anpassungen und deren Auswirkungen auf die Beschäftigung teilweise durch die Schaffung neuer Beschäftigungsmöglichkeiten im landwirtschaftlichen Betrieb oder durch die Kombination von Teilzeitarbeit im landwirtschaftlichen Betrieb mit einer Beschäftigung außerhalb des landwirtschaftlichen Betriebes aufgefangen wurden. Maßnahmen zur ländlichen Entwicklung waren an der Begleitung und Unterstützung dieses Prozesses maßgeblich beteiligt und haben zur Schaffung und zum Erhalt einer erheblichen Anzahl von Arbeitsplätzen geführt.

Durchgeführte Evaluationen legen nahe, dass Investitionen in landwirtschaftliche Betriebe, Aus- und Weiterbildung, forstwirtschaftliche Maßnahmen sowie Maßnahmen, die die Anpassung und Entwicklung ländlicher Gebiete fördern, im Allgemeinen für die Schaffung von Arbeitsplätzen als wirkungsvoll gelten. Investitionen in landwirtschaftliche Betriebe haben im Großen und Ganzen dazu beigetragen, Arbeitsplätze durch eine verbesserte Produktivität zu sichern. Außerdem haben Maßnahmen zur wirtschaftlichen Diversifizierung verstärkt zur Schaffung neuer Arbeitsplätze beigetragen.

Obwohl auf EU-Ebene wenig quantitative Schätzungen verfügbar sind, gibt es Anhaltspunkte dafür, dass im Verlauf der Initiative LEADER II bis zu 100 000 Arbeitsplätze in den europäischen ländlichen Gebieten geschaffen oder erhalten wurden (bei Sozial- und Gesundheitsfürsorgediensten, im Landschaftsschutz sowie im Bereich des Kulturerbes). Die Hälfte dieser Arbeitsplätze betraf Frauen. Maßnahmen zur ländlichen Diversifizierung haben dazu beigetragen, dass viele landwirtschaftliche Arbeitsplätze gesichert und gleichzeitig zeitlich befristete Beschäftigungen für Tätigkeiten im Bereich der Umwelt und der Dorferneuerung geschaffen wurden.

Maßnahmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zur Diversifizierung in nicht landwirtschaftliche Tätigkeiten machen jedoch immer noch einen relativ kleinen Teil der Programme aus. Schätzungen gehen davon aus, dass im aktuellen Zeitraum 2000–2006 nur rund 10 % des Budgets der für die EU-15 geltenden Hauptprogramme für Maßnahmen ausgegeben wurde, die direkt oder indirekt zur Schaffung von Arbeitsplätzen außerhalb der Landwirtschaft und der erstverarbeitenden Sektoren dienen. Diese Tatsache legt nahe, dass es im nun beginnenden neuen Zeitraum beim Beitrag, den ländliche Entwicklungsprogramme leisten, noch beträchtlichen Spielraum für Verbesserungen gibt.

4. HERAUSFORDERUNGEN FÜR LÄNDLICHE GEBIETE

Die ländlichen Gebiete Europas sind sehr vielfältig und umfassen viele führende Regionen. Einige ländliche Gebiete, vor allem die abgelegensten, entvölkertsten oder am stärksten von der Landwirtschaft abhängigen, stehen in Hinsicht auf Wachstum, Beschäftigung und Nachhaltigkeit in den kommenden Jahren jedoch vor besonderen Herausforderungen. Dazu gehören beispielsweise:

- niedrigere Einkommen,

- eine ungünstige demografische Situation,

- eine niedrigere Erwerbsquote und eine höhere Erwerbslosenquote,

- eine langsamere Entwicklung des tertiären Sektors,

- Schwächen in Bezug auf Qualifikation und Humankapital,

- fehlende Möglichkeiten für Frauen und junge Menschen,

- fehlende notwendige Qualifikation in Teilen der Landwirtschaft und der lebensmittelverarbeitenden Industrie.

Die fortgesetzte Umstrukturierung und Modernisierung der europäischen Landwirtschaft stellt zudem für viele ländliche Gebiete eine schwere Belastung dar. Wenn die gegenwärtige Entwicklung anhält, werden in der EU-15 schätzungsweise 2 Millionen vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer bis 2014 diesen Sektor verlassen. Außerdem könnten 1 bis 2 Millionen vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer in den zehn neuen Mitgliedstaaten und zusätzlich 1 bis 2 Millionen Arbeitnehmer in Bulgarien und Rumänien möglicherweise diesen Sektor verlassen[11]. Zu diesen Zahlen müssen noch rund 5 Millionen verdeckte Erwerbslose in den landwirtschaftlichen Betrieben hinzugezählt werden. Die meisten ländlichen Gebiete werden von diesen Veränderungen betroffen sein. In teilweise ländlichen Gebieten wird die Herausforderung in der Vermeidung des mit mangelnder Qualifikation und einem niedrigen Einkommen zusammenhängenden Risikos der Ausgrenzung bestehen. In abgelegeneren Gebieten mit einer höheren landwirtschaftlichen Erwerbslosigkeit wird die Gestaltung des Umstrukturierungsprozesses für die breitere ländliche Ökonomie eine wesentliche Rolle spielen.

Ländliche Gebiete bieten allerdings auch echte Chancen hinsichtlich ihres Wachstumspotenzials in neuen Sektoren, der Bereitstellung von ländlichen Zusatzleistungen und touristischen Angeboten, ihrer Attraktivität als Lebens- und Arbeitsort sowie ihrer Rolle als Reservoir natürlicher Ressourcen und hochwertiger Landschaften. Die europäische Landwirtschaft stellt viele hochqualitative Produkte her. Der Agrarsektor und der Nahrungsmittelsektor müssen die durch neue Konzepte, Technologien und Innovationen gebotenen Chancen ergreifen, um sich der ständig veränderten Marktnachfrage in Europa und in der Welt anzupassen. Dazu ist der Aufbau neuer Qualifikationen, eine unternehmerische Einstellung sowie eine mit der Bereitstellung neuer Dienstleistungen einhergehende Anpassungsfähigkeit notwendig.

Kurzum, die ländlichen Gebiete Europas müssen ihr Potenzial voll ausschöpfen, oder sie riskieren beim Erreichen der Zielsetzungen von Lissabon, weiter hinter die städtischen Gebiete zurückzufallen. Dies gilt vor allem für die abgelegensten und am stärksten landwirtschaftlich geprägten Gebiete.

5. SCHLUSSFOLGERUNGEN: SCHLIEßEN DER BESCHÄFTIGUNGSLÜCKE

Die Beschäftigung in ländlichen Gebieten in Europa steht vor großen Herausforderungen. Gleichzeitig steht aber auch eine ganze Reihe von Instrumenten auf EU-Ebene und auf einzelstaatlicher Ebene zur Verfügung, mit denen die Beschäftigungslücke zwischen ländlichen und städtischen Gebieten geschlossen werden kann. Gefördert werden sollten multisektorale, gebietsorientierte und über die Landwirtschaft, die Nahrungsmittelindustrie und den ländlichen Fremdenverkehr hinausgehende Konzepte auf der Grundlage eines partnerschaftlichen Ansatzes. Vor allem sollten ländliche Entwicklungsmaßnahmen in vollem Maße zur Förderung von Beschäftigung und Wachstum ausgeschöpft werden.

Beispiele für die Schaffung von Arbeitsplätzen im Rahmen des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums[12]: |

der Tourismus, das Handwerk und die Bereitstellung von ländlichen Zusatzleistungen stellen in vielen Regionen einen Wachstumssektor dar und bieten Chancen sowohl für die Diversifizierung eines landwirtschaftlichen Betriebes im nicht landwirtschaftlichen Bereich als auch für den Aufbau von Kleinstunternehmen in der breiteren ländlichen Wirtschaft; |

örtliche Initiativen zur Schaffung von Kinderbetreuungseinrichtungen können den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern. Dazu kann die Schaffung einer Kinderbetreuungsinfrastruktur, möglicherweise in Verbindung mit Initiativen zur Förderung des Aufbaus von mit ländlichen Aktivitäten und örtlichen Dienstleistungen zusammenhängenden Kleinunternehmen, gehören; |

integrierte Initiativen, die Diversifizierung, Unternehmensgründungen, Investitionen in das Kulturerbe, eine Infrastruktur für örtliche Dienstleistungen sowie die Erneuerung miteinander verknüpfen, können sowohl zur Verbesserung der wirtschaftlichen Aussichten als auch der Lebensqualität beitragen; |

die Förderung von Kleinstunternehmertum und Handwerk, welche auf herkömmlichen Qualifikationen aufbauen bzw. neue Kompetenzen einführen kann; |

die Ausbildung von jungen Menschen zur Erlangung der für eine Diversifizierung der örtlichen Ökonomie notwendigen Qualifikation; |

die Förderung der Nutzung und Verbreitung der IKT; die Entwicklung der Bereitstellung und innovativen Nutzung von erneuerbaren Energiequellen; |

die kleinmaßstäbliche örtliche Infrastruktur, die im Rahmen von Programmen zur ländlichen Entwicklung Unterstützung erhält, kann eine wichtige Rolle bei der Verknüpfung von großen Strukturfondsinvestitionen mit örtlichen Strategien zur Diversifizierung und Entwicklung des Potenzials des Agrar- und Nahrungsmittelsektors spielen. |

Angesichts dieser zukünftigen Herausforderungen stellen ein integriertes Konzept aus Maßnahmen der Gemeinschaft und der Mitgliedstaaten zusammen mit einem starken Fokus auf Humankapital und Qualifikation die Hauptelemente bei der Ausschöpfung der in ländlichen Gebieten existierenden Möglichkeiten zur Förderung von Wachstum und Beschäftigung dar. Die Kommission empfiehlt deshalb, dass:

- der Prozess der GAP-Reform, bestehend aus einer verstärkten Markorientierung und einer Einkommensstabilisierung durch direkte Beihilfen, weitergeführt und gefestigt werden sollte;

- die Mitgliedstaaten die bestehenden Möglichkeiten zur Förderung und Unterstützung des Anbaus von Energiepflanzen und des Aufbaus von Unternehmen im Bereich erneuerbarer Energien nutzen; dies kann zu einer Stabilisierung der Beschäftigungslage in ländlichen Gebieten und stark zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung beitragen;

- angesichts der besonderen Herausforderungen, mit denen sich viele ländliche Gebiete konfrontiert sehen, die Integration der neuen Mitgliedstaaten und die Umstrukturierung ihrer Landwirtschaft in den kommenden Jahren eine Priorität bleibt;

- in Übereinstimmung mit den strategischen Leitlinien der Gemeinschaft für die Entwicklung des ländlichen Raums die Mitgliedstaaten ihre Programme zur ländlichen Entwicklung dazu nutzen sollten, die folgenden Prioritäten in die Praxis umzusetzen: Wissenstransfer, Modernisierung, Innovation und Qualität in der Nahrungskette, Investition in Humankapital sowie die allumfassende Priorität der Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten und Wachstumsbedingungen;

- die ganze Bandbreite der Gemeinschaftsinstrumente zur Förderung von Wachstum und Beschäftigung in ländlichen Gebieten genutzt wird, weil die ländliche Entwicklung nur teilweise dazu beitragen kann, die Beschäftigungslücke zu schließen. Die Mitgliedstaaten sollten sicherstellen, dass die Synergien zwischen der Strukturpolitik, der Beschäftigungspolitik und den Maßnahmen zur Entwicklung des ländlichen Raums maximiert werden[13];

Beispiele für eine aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und dem Europäischen Sozialfonds zur Diversifizierung ländlicher Gebiete geleistete Unterstützung[14]: |

die Bereitstellung eines Mindestangebots an Dienstleistungen des allgemeinen wirtschaftlichen Interesses; |

Unterstützung eines integrierten Tourismuskonzepts; |

Förderung der Prozess- und Produktinnovation bei bestehenden wirtschaftlichen Aktivitäten; |

Investition in Entwicklungsschwerpunkte in ländlichen Gebieten und die Entwicklung wirtschaftlicher Cluster auf der Grundlage örtlicher Vorteile. |

- Maßnahmen in diesen Bereichen der Entwicklung de Humankapitals in voller Übereinstimmung mit den in den Integrierten Leitlinien für Wachstum und Beschäftigung enthaltenen Zielen der europäischen Beschäftigungsstrategie durchgeführt werden. Sämtliche Mitgliedstaaten sollten eine vorausschauende Haltung gegenüber Veränderungen innerhalb des Agrarsektors im Zusammenhang mit der Umstrukturierung fördern und ein proaktives Konzept hinsichtlich Ausbildung und Fortbildung von Landwirten, vor allem in Bezug auf übertragbare Qualifikationen, entwickeln;

- das Netzwerk für ländliche Entwicklung als zentrales Arbeitsthema für 2008 die Schaffung von Arbeitsplätzen in ländlichen Gebieten festlegen sollte.

Die Kommission wird die Nutzung von statistischen Instrumenten bei der Bewertung der Auswirkungen auf die Beschäftigung durch ländliche Entwicklungsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem Gemeinsamen Begleitungs- und Bewertungsrahmen für die ländliche Entwicklung verstärken.

Anhang: Hauptindikatoren ländlicher Gebiete in der EU-27

Flächenindikatoren |

EU-27 | überwiegend ländlich | teilweise ländlich | überwiegend städtisch | Definition der Region | Jahr |

% Fläche | 100,0 | 57,0 | 35,7 | 7,3 | NUTS 3 | 2003 |

% Bevölkerung | 100,0 | 20,5 | 37,8 | 41,7 | NUTS 3 | 2003 |

% BWS | 100,0 | 13,2 | 31,7 | 55,0 | NUTS 3 | 2002 |

% Beschäftigung | 100,0 | 18,7 | 34,6 | 46,7 | NUTS 3 | 2002 |

% landwirtschaftliche Nutzfläche (1) | 100,0 | 43,2 | 46,8 | 10,0 | FSS Distrikt | 2003 |

(1) ohne ES, SL |

Demografische Indikatoren |

EU-27 | überwiegend ländlich | teilweise ländlich | überwiegend städtisch | Definition der Region | Jahr |

Bevölkerungsdichte (pro km2) | 114,8 | 40,9 | 118,2 | 638,7 | NUTS 3 | 2003 |

% Menschen zwischen 15–64 als Anteil an der Gesamtbevölkerung (1) | 67,2 | 65,9 | 67,1 | 68,0 | NUTS 3 | 2001 |

Nettowanderungsrate (2) | 3,9 | 1,8 | 4,0 | 4,8 | NUTS 2 | 2003 |

(1) ohne BE, DK, LV, MT, SI |

(2) ohne EE, CY, LU, MT |

Wirtschaftsindikatoren |

EU-27 | überwiegend ländlich | teilweise ländlich | überwiegend städtisch | Definition der Region | Jahr |

BIP pro Kopf (EU-25 = 100) | 95.5 | 64,5 | 82,3 | 122,8 | NUTS 3 | 2001 |

Primärsektor als % an der Gesamt-BWS (1) | 2,3 | 5,1 | 2,8 | 0,9 | NUTS 2 | 2002 |

Tertiärsektor als % an der Gesamt-BWS | 71,1 | 62,4 | 67,9 | 74,5 | NUTS 3 | 2002 |

(1) ohne MT |

Beschäftigungsindikatoren |

EU-27 | überwiegend ländlich | teilweise ländlich | überwiegend städtisch | Definition der Region | Jahr |

Erwerbsquote % | 62,7 | 60,1 | 61,9 | 64,7 | NUTS 2 | 2004 |

Erwerbslosenquote (% der aktiven Bevölkerung) | 9,2 | 9,9 | 10,1 | 7,8 | NUTS 2 | 2004 |

Langzeiterwerbslose (% der aktiven Bevölkerung) | 4,1 | 4,5 | 4,7 | 3,3 | NUTS 2 | 2004 |

Selbstständige als % der Gesamtbeschäftigten | 15,3 | 19,3 | 15,2 | 13,8 | NUTS 2 | 2004 |

Erwachsene, die an Bildung und Ausbildung teilnehmen, als % der Bevölkerung (1) | 8,5 | 8,2 | 7,8 | 10,1 | NUTS 2 | 2004 |

Beschäftigte im Primärsektor in % | 6,7 | 20,6 | 6,9 | 1,7 | NUTS 2 | 2002 |

Beschäftigte im Tertiärsektor in % (2) | 66,8 | 57,1 | 65,0 | 74,7 | NUTS 3 | 2002 |

(1) ohne EL |

(2) ohne NL, RO |

Quelle: „Rural Development in the European Union – Statistical and Economic Information – Report 2006“, http://ec.europa.eu/agriculture/rurdev/index_de.htm |

[1] KOM(2005) 24.

[2] Die hier verwendete Definition ländlicher Gebiete ist im Zusammenhang mit dem Beschluss des Rates über strategische Leitlinien der Gemeinschaft für die Entwicklung des ländlichen Raums (Programmplanungszeitraum 2007-2013) (2006/144/EG) beschlossen worden. Die OECD definiert Gebiete auf der Grundlage der Bevölkerungsdichte als überwiegend ländlich, teilweise ländlich oder überwiegend städtisch und stützt sich dabei auf den Bevölkerungsanteil, der in ländlichen Gemeinden (d.h. mit weniger als 150 Einwohnern je km²) in einer bestimmten NUTS II- oder III-Region lebt; siehe Ausführliche Folgenabschätzung – SEK(2004) 931 und SEK(2005) 914. Die 1284 NUTS III-Regionen der EU-27 verteilen sich etwa gleichmäßig auf diese drei ländlich-städtischen Kategorien. Die Kommission arbeitet derzeit an alternativen Definitionen, die die Vielfalt der teilweise ländlichen Gebiete, einschließlich von Stadtrandgebieten, besser widerspiegeln sollen.

[3] Study on Employment in Rural Areas ( Studie über die Beschäftigung in ländlichen Gebieten ) (SERA), S. 214.http://ec.europa.eu/agriculture/rurdev/index_de.htm.

[4] SERA, S.34.

[5] SERA, S.44.

[6] OECD 2006. Rural Policy Reviews. The New Rural Paradigm. POLICIES AND GOVERNANCE, S. 27.

[7] SERA, S. 133.

[8] SERA, S. 47-48.

[9] Quelle: „Rural Development in the European Union – Statistical and Economic Information – Report 2006“, http://ec.europa.eu/agriculture/rurdev/index_de.htm.

[10] Informeller Agrarrat, Krems 2006.

[11] SERA, S. 84.

[12] Leitaktionen gemäß Beschluss des Rates 2006/144/EG vom 20. Februar 2006 über strategische Leitlinien der Gemeinschaft für die Entwicklung des ländlichen Raums (Programmplanungszeitraum 2007-2013) (ABl. L 55 vom 25.2.2006, S. 20).

[13] Ebd. Abschnitt 3.6.

[14] Entscheidung des Rates 2006/702/EG vom 6. Oktober 2006 über strategische Kohäsionsleitlinien der Gemeinschaft (ABl. L 291 vom 21.10.2006, S. 11) Anhang, Abschnitt 2.2.

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